Kultur
06.08.2017

... und noch zehn Bücher für den Urlaub

Eine neue Mischung mit Meer, Mord, Matterhorn.

Der Brief wird jetzt "gerammt"

Joseph Conrad – Seefahrer und Schriftsteller, Meister der Abenteuergeschichten: Wieder wurde einer seiner Romane neu übersetzt. Das gibt ihm zusätzliche Größe, wenn man sich bemüht, seiner so eigenen Sprache zu folgen. Jetzt RAMMT jemand in großer Erregung einen Brief in die Tasche, er stopft ihn nicht. Und life-emptiness ist Lebensleere. Mit „Schattenlinie“ ist die Grenze zum Erwachsenwerden gemeint. Ein Kapitän muss handeln, damit die Mannschaft überlebt. Als Draufgabe hat das Buch Zeittafel, Kommentare und Erklärungen, in die man sich ebenfalls eingraben kann sozusagen.

Joseph Conrad:
„Die Schattenlinie“
Herausgegeben und übersetzt von
Daniel Göske. Hanser Verlag.
420 Seiten. 30,90 Euro.

KURIER-Wertung: *****

Jack Reacher, wieder ganz groß

Bei jedem neuen Buch mit Jack Reacher in der Hauptrolle ist (leider) der erste Gedanke, wie klein Tom Cruise ist, der diese Figur im Kino spielt. Weil man in den Büchern so deutlich damit konfrontiert wird, wie hochgewachsen – 1,95 m – und mächtig der „echte“ Reacher ist. Das ist die 16. Geschichte vom ehemaligen Elite-Militärpolizisten, der durch die USA geistert und dem ein Verbrechen angehängt wird; und sie ist, nach Durchhängern, eine tadellose. „Der letzte Befehl“ geht an den Anfang zurück. Wie Jack Reacher einen Frauenmord hätte vertuschen sollen. Kein Thriller, sondern ein Krimi.

Lee Child:
„Der letzte Befehl“
Übersetzt von Wulf Bergner.
Blanvalet Verlag.
448 Seiten. 20,60 Euro.

KURIER-Wertung: ****

Trump macht alles realistisch

Auf dem Cover ist die Silhouette von Donald Trump, aber es ist sowieso klar, an wen der Autor – ein Guardian-Journalist, der lange Zeit aus Washington berichtet hatte – dachte. Trump macht diesen Thriller zu etwas Außergewöhnlichen. Denn durch ihn wirkt realistisch, was erzählt wird: Dass sich der US-Präsident durch ein paar Worte aus Nordkorea („Feigling“)aus der Ruhe bringen lässt und den Befehl zum nuklearen Angriff gibt – auf China auch gleich noch dazu. Ein Trick verhindert den 3. Weltkrieg – aber dieser Präsident muss dringend weg ... Man wird beim Lesen nie an Fantasy denken.

Sam Bourne (= Jonathan Freedland): „Der Präsident“
Übersetzt von Ruggero Leò.
Bastei Lübbe Taschenbuch.
480 Seiten. 10,30 Euro.

KURIER-Wertung: ****

Das Alltägliche reicht völlig

Baru (Künstlername für Hervé Barulea) ist so gut, und es ist gar nicht gut, dass das Werk des 70-jährigen Franzosen hierzulande recht unbeachtet bleibt. Ein Schriftsteller ist er, der noch dazu zeichnen kann. Ein Comic-Künstler, der reduziert (wie japanische Mangas) und dem das Alltägliche genügt, mit Gewalt und Rassismus, um relevante gesellschaftliche Themen anzugreifen. „Die Sputnik-Jahre“ sind vier gesammelte Comics über die späten 1950er Jahre in einem lothringischen Industriestädtchen. Durchaus autobiografisch. Die Buben spielen und prügeln sich – die Eltern werden arbeitslos.

Baru:
„Die Sputnik-Jahre“
Übersetzt von Martin Budde.
Reprodukt Verlag.
206 Seiten. 29,90 Euro.

KURIER-Wertung: *****

Zwei Hyänen auf Bergwanderung

Von Herbert Brandl, geboren in Graz, weiß man: Der Maler hat(te) eine gebirgige Phase. Und eineTierphase – auch mit Bronzefiguren, die Säbelzahntigern ähneln. Im Museum Franz Gertsch im Schweizer Burgdorf hängt nun, zum ersten Mal in der Öffentlichkeit, eine drei Meter lange „Mischung“, die einen – warum? – nicht loslässt: Zwei Hyänen auf dem Weg zum Matterhorn. Öl auf Leinwand – sieht wie eine japanische Tuschzeichnung aus. Im Buch zur Ausstellung kann man vor diesem Bild verweilen: Das Matterhorn wird verehrt – Hyänen werden verkannt, eine Schweinerei. Das ist das Leben.

Herbert Brandl:
„Hyänenpause“
Herausgegeben von Anna Wesle.
modo Verlag.
80 Seiten. 43,20 Euro.

KURIER-Wertung: ****

Kein Zoo mit Trachtenträgern

Alois Schöpf ist als Satiriker der Nachfolger von Hans Weigel, der vor 50 Jahren „ Tirol für Anfänger“ geschrieben hat. Weigel war böser. Einst hatte er im Fernsehen gegen die „Unsitte“ gewettert, in Restaurants Trinkgelder zu geben. Er mache das selbstverständlich nie. Damit verscherzte sich’s ein angeblich G’scheiter mit einem arroganten Sager bei Tausenden ... Schöpf ist etwas freundlicher. In „Tirol für Fortgeschrittene“ kümmert er sich um Tourismus, Katholizismus, Gastlichkeit, Tobias Moretti ... und er ist nicht darauf aus, einen Zoo mit bunten Trachtenträgern zu zeigen. Trinkgeld gibt er hoffentlich.

Alois Schöpf:
Tirol für Fortgeschrittene“
Limbus Verlag.
184 Seiten.
15 Euro.

KURIER-Wertung: *** und ein halber Stern

Nur die Blasen sind seltsam

Also, darüber müssen wir noch reden. Denn dass – wie er notiert – seine Blasen auf den Füßen Vollgas gegeben haben, das geht gar nicht. Sonst ist gegen Herbert Hirschlers Pilgerreise nichts einzuwenden, im Gegenteil. Über den portugiesischen Jakobsweg gibt es wenige Reisebücher. Hilfreich und amüsant wird die Wanderung an der Küste von Lissabon über Porto nach Santiago de Compostela beschrieben. 750 km Strand, Sand, Wiese, Stege ... Und nicht vergessen: In Caldas de Reis ist die Rezeption des Hotels „Lotus“ im Wirtshaus gegenüber.

Herbert Hirschler:
„Himmel, Herrgott, Portugal
Leykam Verlag.
300 Seiten.
20,50 Euro.

KURIER-Wertung: *** und ein halber Stern

Immerhin kein Finger im Kaffee

Der Typ, der in Wiener Kaffeehäusern mit seinem Finger in fremden Kaffeehäferln umrührte – den gab’s wirklich, aber das war nicht Bill Murray. Der US-Filmstar ist harmloser mit seinen Scherzen. „Meeting Bill Murray“ erzählt, wie er plötzlich in irgendeiner Küche steht und abwäscht. Oder er bringt Popcorn und hält jemandem von hinten die Augen zu. Danach verabschiedet er sich immer mit der Bemerkung: „Das glaubt Ihnen keiner!“ Er will den Alltag zu etwas Besonderem machen. Fein. Hoffentlich hat er Spaß daran.

Gavin Edwards:
„Meeting Bill Murray
Übersetzt von Bernhard Schmid.
Eichborn Verlag.
368 Seiten. 18,50 Euro.

KURIER-Wertung: ***

Komposition von Geheimnissen

Da steht geschrieben (übersetzt), dass die Métro in Paris nicht immer unterirdisch fährt, sondern auch – „überirdisch“ ist. Na gut, soll sein. „Verrat“ ist eine wahre Geschichte.Ein Strafprozess, den die Le Monde-Gerichtsreporterin Robert-Diard beobachtet hat: 30 Jahre schwieg ein Sohn, dem Vater einen Mord gestanden hatte. Als Kind verteidigte er ihn sogar. Aber dann konnte er nicht mehr, dann informierte er die Staatsanwaltschaft darüber, dass Maurice Agnelet – seinerzeit Anwalt – 1977 seine Geliebte ermordet hatte. Komposition von Familiengeheimnissen.

Pascale Robert-Diard:
„Verrat“
Übersetzt von Ina Kronenberger.
Zsolnay Verlag.
160 Seiten.18,50 Euro.

KURIER-Wertung: *** und ein halber Stern

Brutales mit Golftee im Mund

Ein spannender, aber brutaler Öko-Thriller, sehr aktuell, weil es darum geht, Grönland wegen Schieferöls noch mehr aufzubohren – egal, wenn giftiges Cadmium ins Meer gelangt. Steffen Jacobsen ist ein dänischer Chirurg, als Schriftsteller mag er Folterszenen: Mittels Heftmaschine wird der Körper des Opfers auf den Fußboden genagelt, im Mund wird ein Golftee befestigt, darauf wird ein Golfball gelegt usw ... Und Männer sagen Sachen wie: „Nach vier Ehen bin ich zum Schluss gekommen: Alle hübschen Mädchen sind gleich.“

Steffen Jacobsen:
„Lüge“
Übersetzt von Maike Dörries.
Heyne Verlag.
480 Seiten. 17,50 Euro.

KURIER-Wertung: ****