Stand erhobenen Hauptes an der Reling: Ulrike Lunacek

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Kultur
01/09/2020

Ulrike Lunacek muss sich nicht zersprageln. Gut so. Sehr gut.

Trenklers Tratsch. Die neue Staatssekretärin wird ungleich mehr Zeit für Kunst und Kultur haben als vor ihr Schallenberg.

von Thomas Trenkler

Ulrike Lunacek wird also Staatssekretärin für Kunst und Kultur. Gut. Sehr gut.

Natürlich war die Entscheidung für sie nicht ganz fair. Immerhin hat Eva Blimlinger, bis zum Sommer 2019 Akademie-Rektorin, das Koalitionsprogramm gleich in zwei Gruppen ausverhandelt – zu den Themen Justiz, Verwaltung, Transparenz, Medien, Bildung, Wissenschaft, Sport, Digitalisierung – sowie Kunst und Kultur.Und sie hätte sich natürlich nicht erst einarbeiten müssen: Eva Blimlinger hätte von der ersten Sekunde an Vollgas gegeben. Fotomuseum in Zeiten der digitalen Bilderflut, das ohnedies nicht mit der Aura des Originals punkten kann? Brauchen wir nicht! Haus der Geschichte? Entweder gescheit und mutig – oder gar nicht!

Doch Blimlinger ist, streng genommen, Quereinsteigerin. Und Lunacek hat sich jahrelang verdient gemacht. Ihr die Niederlage der Grünen bei der Nationalratswahl 2017 in die Schuhe zu schieben, ist gemein: Sie hat sich nicht von Bord geschlichen, sie stand stolzen Hauptes an der Reling, als ihr Schiff, geplündert von Peter Pilz und der SPÖ, unterging.

Nun bemäkelt man, dass sie kulturpolitisch bisher nicht in Erscheinung getreten sei. Kann schon sein, dass sie keine Ahnung hat über die Querelen unter den Direktoren der Bundesmuseen. Aber Ihr Tratschpartner hat sie zum Beispiel Mitte Oktober 2017 gehört, als sie das Mahnmal „Herminengasse“ in der U2-Station Schottenring, einen Tunnel mit den Namen der in der NS-Zeit deportierten Juden von Michaela Melián, eröffnet hat. Als Bewohnerin der Herminengasse war ihr bereits 2008 eine Erinnerungsstätte wichtig gewesen. Und sie vermochte eine würdige Rede zu halten.

Eine Rede, die man sich auch von einer Kulturstaatssekretärin, deren Aufgabe es ist, die „Kulturnation“ nach außen zu vertreten, erwarten darf. Lunacek, von 2014 bis 2017 Vizepräsidentin des Europäischen Parlaments, wird auf dem internationalen Parkett nicht weniger beeindrucken als Alexander Schallenberg, der über die Maßen gelobte Multiminister der Übergangsregierung.

Aber was ist schon eine Sekretärin beim Vizekanzler, der nicht gerade der große Kunstauskenner sei? Nichts, behauptet man. Die Kultur sei, ätzte zum Beispiel der gefallene Ex-Kulturminister Thomas Drozda, „als Restposten“ verräumt worden. Und es gebe „eine nachhaltig negative Erfahrung mit dieser Konstruktion“.

Was nicht stimmt.

Die SPÖ war es, die 1997, nach der glorreichen Ära des Kunstministers Rudolf Scholten, einen Kunststaatssekretär installierte. Die negative Erfahrung bestand für die Partei lediglich darin, dass die Ansage von Kanzler Viktor Klima „Die Kunst ist Chefsache“ für große Erheiterung sorgte. Der leider ungeschickt auftretende Peter Wittmann leistete jedoch hervorragende Arbeit: Ihm gelang die Ausgliederung der Bundestheater. Hätte die Stadt Wien ähnlich prospektiv agiert: Es gäbe nicht die fatalen Strukturprobleme, mit denen etwa das Volkstheater kämpft.

Im Unterschied zu damals ist Lunacek aber nicht nur für die „Kunst“, sondern, aufgrund der Fusion unter der glanzlosen Ministerin Claudia Schmied im Jahr 2007, auch für die vom Budget her weit größere „Kultur“ zuständig. Und weil sie sich nicht zersprageln muss wie Ex-Regierungskoordinator Gernot Blümel, wird sie ungleich mehr Zeit für Kunst und Kultur haben als vor ihr Außenmedienkulturminister Schallenberg. Gut so. Sehr gut.