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Kultur
03/23/2020

Ulrich Drechsler kreiert „Wellness für die Seele“

Der Jazzmusiker spricht im KURIER-Interview über das neue Album „Caramel“ und seine Iran-Erlebnisse

"Ich mach mir die Welt, widde widde wie sie mir gefällt!“ Was Pippi Langstrumpf kann, dachte sich Ulrich Drechsler vor ein paar Jahren, kann ich auch. Dafür gründete er die Plattform „Liminal Zone“, mit der er all das zusammenbringen will, was er in den vergangenen Jahren bei der Beschäftigung mit Genres wie Jazz, Weltmusik, Sufi-Tradition und den tanzbaren Sounds von Café Drechsler lernen konnte.


Drei unterschiedliche Alben sollen dabei bis Herbst 2021 erscheinen, wobei das erste, „Caramel“, soeben auf den Markt gekommen ist. Darauf verbindet Drechsler mithilfe von Mitstreitern wie der Rapperin Yasmo und der Sopranistin Özlem Bulut Neoklassizismus, Jazz und Weltmusik zu einem betörenden Sound, der seinem kreativen Anspruch, „Wellness für die Seele“ zu schaffen, in jedem Ton gerecht wird.

 

„Mein Stammgenre Jazz ist mittlerweile komplett überzüchtet“, erklärt Drechsler im KURIER-Interview. „Da geht es nur noch um schneller und technisch perfekter. Gleichzeitig wächst aber die Sehnsucht beim Hörer, sich entspannen zu können, womit vieles die Hörer überfordert. Ich sage – auch wenn viele Kollegen das anders sehen: Jeder Künstler ist auch Entertainer, muss sein Publikum unterhalten und nicht nur das Ego befriedigen.“


Schon immer ist Drechsler, der in der Nähe von Stuttgart aufwuchs, musikalisch gegen den Strom geschwommen. Seine Mutter, eine Klavierlehrerin, versuchte ihm schon als er sechs Jahre alt war, Unterricht zu geben. Aber: „Ich habe es gehasst, die wiederholten Versuche abgewehrt und mit neun Jahren beschlossen, in die örtliche Blaskapelle zu gehen und dort Klarinette zu lernen. Das hat mit den ganzen Umzügen und Bierzelt-Festen einen Heidenspaß gemacht.“

Nicht sexy

Die Mutter besorgte ihm daraufhin einen Klarinetten-Lehrer, der ihn auf ein klassisches Studium vorbereite. Doch dabei stelle er fest, dass ihm erstens das Klassik-Konzept zu eng war, weil es wieder nur um Perfektion, Leistung und das Funktionieren ging. Und zweitens: „Klarinette ist nicht so sexy, dass ich eine Freundin kriege.“ Er stieg auf Saxofon um und studierte später in Graz Jazz.

Danach ging er nach Wien, gründete in der Hochblüte der Wiener Elektronik die Band Café Drechsler, die mit ihrem akustischen Tanz-Sound schnell Furore machte. 2006 aber hatte sich das totgelaufen und Drechsler widmete sich diversen Projekten.

 

Immens wichtig waren ihm dabei immer der Klang und die Atmosphäre. „Deshalb habe ich mich viel mit skandinavischer Musik beschäftigt. Denn die sind darin Meister. Wenn Tord Gustavsen, mit dem ich ein Album gemacht habe, einen guten Tag hat, spielt er einen Ton und du denkst: Wow, mehr Musik brauch ich die ganze Woche nicht mehr.“

Extrem wichtig war für Drechsler auch die Beschäftigung mit Sufi-Musik. „Ich wurde von dem österreichischen Botschafter dorthin für Auftritte eingeladen, war viermal dort und kann nur jedem empfehlen, einmal in so ein Land zu fahren. Ich habe noch nie so eine Gastfreundschaft, so eine Aufmerksamkeit und Aufrichtigkeit erlebt, wie im Iran. Ich hatte auch das Glück, mit traditionellen persischen Musikern in Kontakt zu kommen und dabei einen ganz andern Zugang zu Musik kennen gelernt. Denn auch ihnen geht es wie mir nie um den Leistungsgedanken, sondern nur darum, möglichst respektvoll, bewusst und achtsam miteinander Musik zu machen. Und das hat eine unglaubliche Intensität.“