Die Liste ihrer Auszeichnungen ist so lang wie die Liste ihrer Bücher: Ulla Hahn, Jahrgang 1946

© /Julia Braun

Das "Proletenkind" lässt sich nichts einreden
10/04/2014

Das "Proletenkind" lässt sich nichts einreden

"Spiel der Zeit": Erinnerungen an die 68er.

von Peter Pisa

Na gut, die Stadt, die im Zentrum steht, ist Köln. Soll ma trotzdem rin jonn? (Sollen wir hineinschauen?) Selbstverständlich! Zweitens ist es bis zu einem gewissen Punkt völlig egal, ob Köln oder Salzburg oder Wien.

Und es ist überhaupt gleichgültig, ob die junge Frau, die vom Land kommt, in Monheim am Rhein mit Quelle-Versand und Kirchenbesuchen aufgewachsen ist oder im Tiroler Gnadenwald.

Es geht darum, widerborstig zu sein.

Die Freiheit des Geistes zu behalten.

Es geht immer auch um den Satz: "Mit Schreiben und Lesen fängt eigentlich das Leben an."

Mein Gestern

Die Lyrikerin Ulla Hahn hat sich in "Das verborgene Wort" (2001) und "Der Aufbruch" (2009) an ihre Kindheit erinnert und sich dabei als große Romanautorin erwiesen.

Zum dritten Mal geht Ulla Hahn in Hilla über, sie schlüpft in diese Figur – "Ich bin mein Gestern", schreibt sie so wunderbar und hält sich im Wesentlichen an ihre Biografie.

Das "Proletenkind" Hilla ist nun Germanistikstudentin. Es ist jene Zeit, als Kulenkampff mit "Einer wird gewinnen" aufhört, und auf Partys der Katholischen Jugend spielt man "What’s new, Pussycat", worauf die Tanzenden "Ohohohoho" rufen.

Hilla wird sich im Karneval als dicke grüne Raupe verkleiden und einen Käfer lieben lernen.

Ulla Hahn lässt sich beim Schreiben nicht drängen. "Spiel der Zeit" ist selbst bei (nur angeblichen) Nebensächlichkeiten langsam und breit. Eine Saftpresse kann seitenlang beschäftigen.

Alles ist so neu in der Stadt – Zitat: "gehen sehen summen, unter den Füßen scheint sich eine Luftschicht zu bilden, die mich emporträgt ins Leben ..."

Aber es sind auch die 68er, der Student Benno Ohnesorg wird von einem Polizisten erschossen, Rudi Dutschke stirbt, Bild wettert gegen die Demonstranten, Erich Fried dichtet Politik ...

Davon erzählt Ulla Hahn. Daran erinnert sie . Das Wichtigste ist: Sie und ihr Freund (der Käfer, mit dem sie sich verlobt hat) hinterfragen und durchschauen. Die Parolen, die Kirche und Mao, "den Genossen Massenmörder" mit seinen Kalendersprücherln: "Man muss das Gesicht regelmäßig waschen, sonst wird das Gesicht schmutzig."

"Spiel der Zeit" ist Anleitung zum Denken.

KURIER-Wertung:

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