Mit den Slogans des „European Balcony Project“: Robert Menasse

© Thomas Trenkler

Literatur
12/23/2018

Überspitzt formuliert: Menasse kümmert das Wörtliche nicht

Die „Welt“ wirft Robert Menasse vor, Zitate von Walter Hallstein über die Auflösung der Nationen "erfunden" zu haben.

von Thomas Trenkler

Für den Brüssel-Roman „Die Hauptstadt“ (Suhrkamp) erhielt Robert Menasse 2017 den Deutschen Buchpreis.Darin appelliert ein Professor Alois Erhart, die Nationalstaatlichkeit innerhalb der Europäischen Union zu überwinden - und einen EU-Pass auszugeben.

Im Interview mit dem KURIER sagte Menasse im Oktober: "Ich habe den Vorschlag mehrfach bei Europa-Kongressen gemacht. Er wurde mittlerweile von proeuropäischen Initiativen aufgenommen. (...) Ab einem bestimmten Stichtag soll jeder, der in EU-Europa zur Welt kommt, einen europäischen Pass bekommen. In diesem ist zwar der Geburtsort eingetragen, aber nicht mehr die Nationalität. Nach der regionalen Identität wäre dann die European Citizenship das Gemeinsame. Einer Generation, die mit einem europäischen Pass aufwächst, zusammen mit der Reise- und Niederlassungsfreiheit sowie Programmen wie Erasmus, wird man Europa nicht mehr erklären müssen. So wird sich ein nachnationales Europa entwickeln können."    

In diesem Zusammenhang entstand das „European Balcony Project“: Am 10. November 2018 wurde von Balkonen aus die „Republik Europa“ ausgerufen.  Um seiner Mission mehr Durchschlagskraft zu verschaffen, habe Menasse aber, so die „Welt“, Fiktives für Faktisches ausgegeben: „Spätestens seit 2013 berief er sich für seine Forderung nach einer Überwindung der Nationen regelmäßig auf Walter Hallstein (1901-1982), der 1958 erster Kommissionsvorsitzender des EU-Vorläufers Europäische Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) wurde.“

"Dieser Satz ist die Wahrheit!"

 

Menasse zitierte den CDU-Politiker in einem Gastbeitrag für die „FAZ“, verfasst gemeinsam mit der Politikwissenschaftlerin Ulrike Guérot, im März 2013 mit: „Die Abschaffung der Nation ist die europäische Idee!“ Das sei, so die Autoren, „ein Satz, den weder der heutige Kommissionspräsident noch die gegenwärtige deutsche Kanzlerin wagen würde auszusprechen. Und doch: Dieser Satz ist die Wahrheit.“ Doch dieser Satz ist erfunden. Hallstein sagte es „nie so zugespitzt, man müsste lange Passagen zitieren, um diese Position ableiten zu können“, räumte Menasse auf Anfrage von der „Welt“ ein. Der Schriftsteller habe noch zwei weitere Hallstein-Zitate konstruiert, so auch: „Das Ziel des europäischen Einigungsprozesses ist die Überwindung der Nationalstaaten.“

Der Historiker Heinrich August Winkler stellte gegenüber der „Welt“ klar: „Hallstein wollte nicht die Nationen auflösen.“ Hallstein habe 1964 zwar der Idee der „nationalstaatlichen Souveränität alten Stils“ und der „heutigen politischen Form der Nationen“ eine Absage erteilt, aber zugleich der Folgerung widersprochen, „dass die bestehende politische Ordnung ausgelöscht, durch einen Supranationalstaat ersetzt wird“. Und Hallstein forderte gar, die „Kraftquellen der europäischen Nationen zu erhalten, ja sie zu noch lebendigerer Wirkung zu bringen“.

"Nicht zulässig"

Auf mehrfache Nachfrage versichert Menasse nun, Hallstein habe das sagen wollen, was er ihm in den Mund legte: „Die Quelle (Römische Rede) ist korrekt. Der Sinn ist korrekt. Die Wahrheit ist belegbar. Die These ist fruchtbar. Was fehlt, ist das Geringste: das Wortwörtliche.“ Er habe „eine Diskussion provoziert und einen Denkraum des notwendig Möglichen eröffnet, den es vorher nicht gab, einfach dadurch, dass ich eine Autorität zu meinem Kronzeugen erklärt habe, der nichts dagegen gehabt hätte“.

Seine Form des Zitierens sei „nicht zulässig – außer man ist Dichter und eben nicht Wissenschaftler oder Journalist“. Nach den „Regeln von strenger, im Grunde aber unfruchtbarer, weil immer auch ideologisch gefilterter Wissenschaft“ seien die Zitate „nicht ‚existent‘, aber es ist dennoch korrekt, und wird auch durch andere Aussagen von Hallstein inhaltlich gestützt. Was kümmert mich das ‚Wörtliche‘, wenn es mir um den Sinn geht.“