Kultur
13.05.2017

Über diesen Titel kann man trefflich streiten

"Singapur im Würgegriff" von James Gordon Farrell: Das Ende einer Epoche.

Zwar darf seit ein paar Jahren ungestraft Kaugummi gekaut werden. (Sie müssen zuckerfrei sein oder sonst irgendwie der Gesundheit dienlich.) Aber "Lügerei" ist immer noch strafbar – es drohen drei bis acht Schläge mit dem Rohrstab.

Man muss also sehr genau sein, wenn es ums unmenschlich strenge Singapur geht. Das war der Brite James Gordon Farrell. In seinem Roman kann man exakt von der Orchard Road rechts in die Hill Street einbiegen, wo die Oriental Telephone Company weiß funkelt.

15 Cent mehr

Derart mittendrin war er (sind wir), obwohl er sich in Singapur nur kurz aufgehalten hat; und 1937, damit beginnt sein Buch, war Farrell erst zwei und nicht von Land und Geschichte begeistert.

Anhand eines englischen Handelshauses erzählt er, wie das Empire in Südostasien langsam untergeht. Was sich abzeichnete, als die chinesischen Arbeiter auf der Kautschuk-Plantage die Erhöhung ihres Tageslohns von 60 auf 75 Cent durchsetzten. Eine Frechheit sowas.

Es heißt, Farrells Literatur bewege sich zwischen Monty Python und Tolstoi. Tatsächlich nimmt er sich bis zum Einmarsch der Japaner 1942 auch viel Zeit für die Probleme der Handelshaus-Besitzer: Der Sohn ist sehr daran interessiert, ob mit der Formulierung "Singapur im Würgegriff" (auch der Buchtitel) die Macht des Kapitals gemeint ist oder eine angenehme Technik der Prostituierten mit ihren Unterleibsmuskeln.

Weltliteratur aus 1973, erstmals auf Deutsch.

Farrell ertrank 1979 beim Angeln.

James Gordon Farrell:
Singapur im Würgegriff
Übersetzt von Manfred Allié. Nachwort von Derek Mahon. Verlag Matthes & Seitz.
828 Seiten.
30,90 Euro.

KURIER-Wertung: **** und ein halber Stern