Kultur
05.06.2017

TV-Legende Troller: "Ich rieche wieder die 1930er-Jahre"

Georg Stefan Troller, 95, über Macron, Le Pen, Alt-Österreich und die Nazis.

Er hat den Deutschen mehr als 50 Jahre lang Frankreich erklärt: Georg Stefan Troller, geboren in Wien, seit 1949 Amerikaner in Paris, wurde mit dem "Pariser Journal" (1962–1971) und als ZDF-Korrespondent in Paris, als sensibler Menschenbeobachter und Film-Porträtist u. a. mit "Personenbeschreibung" zur TV-Legende.

KURIER: Was wird der neue Staatspräsident Emmanuel Macron Frankreich bringen?

Georg Stefan Troller:Das weiß niemand. Das ist eine Situation, die es seit Charles de Gaulle nicht mehr gab: Ein Mann, der zwischen den Parteien steht. Oder so tut, als ob. Der von keiner Partei abhängig ist – oder sein will. Dass die zwei Großparteien stark geschrumpft sind und die Randparteien hochkommen, findet weltweit statt.

Marine Le Pen ...

... hat das Rede-Duell mit Macron versaut, aus schlechter Laune, aus Aggressivität, aus Mangel an Information. Damit hat sie einen möglichen Sieg verspielt. Statt 40 Prozent angehende Faschisten in Frankreich, wie ich dachte, sind es nun unter 30 Prozent. Das kann Macron möglicherweise managen.

Wenn ihm nicht Jean-Luc Mélenchon von der extremen Linken einen Strich durch die Rechnung macht.

Das scheint mir im Moment möglich zu sein. Eine neue extreme Linke, die mit der alten kommunistischen Partei nichts mehr zu tun haben will. Das ist eigentümlich. Aber der Mann wirkt authentisch. Gestern sagte er: "Wir gehen nach Versailles!" Als ob wir in der Französischen Revolution wären und die Regierung in Versailles säße. Dazu gab’s Riesenjubel.

Macron hat natürlich die Gewerkschaften gegen sich.

Die hintertreiben jede Reform. Irgendwann muss der wahnsinnig komplexe Staatsapparat angegriffen werden. Weit mehr als die Hälfte aller Angestellten sind Staatsangestellte hier, ein unmöglicher Zustand. Die Franzosen beziehen sich wie die Österreicher sehr stark auf eine geträumte Vergangenheit. Dazu gehört die Macht der Gewerkschaften, die es in dem Sinn nicht mehr gibt, weil es auch die Arbeiter nicht mehr gibt. Aber wenn die Gewerkschaften auf die Straße gehen, werden Gesetze zurückgesetzt und Vorschläge zurückgefahren. Das ist unter Hollande dauernd passiert.

Macron hat ja keine Partei hinter sich.

Er hat eine Bewegung. Hitler hat es auch geschafft ohne Partei. Ich habe ja sehr stark den Geruch der 1930er-Jahre in der Nase. Jetzt ist wieder die Zeit der Bewegungen und nicht der etablierten Parteien. Ich war erstaunt über Le Pens Anfangserfolge. Das ist eine Erlöserfigur. Die Franzosen warten, und das ist gefährlich, auf eine Erlöserfigur wie de Gaulle, die alles umstürzt und neu macht. Die vor allem die i Arbeitslosigkeit reduziert, die unter Jugendlichen 25 Prozent beträgt. Unerträglich!

Würden Sie mit Trump ein Interview machen wollen?

Nein, es wäre sinnlos. Der ist weder für Argumente noch für Emotionen erreichbar. Der Mann ist absolut in sich abgekapselt, in sich eingeschlossen. Und mit einer solchen Persönlichkeit ist kein Interview zu führen.

Wird er eine volle Periode im Amt bleiben?

Ich kann es mir gut vorstellen. Wir sind ja wieder in dieser Zeit gelandet, wo eine Erlöserfigur eine Mehrheit des Volkes gewinnen kann. Dass man das Gefühl hat: Früher war alles besser. Der Neoliberalismus hat dazu beigetragen, dass man an nichts mehr glaubt außer an den Dollar. So sehnen sich die Leute nach Religionen oder irdische Religionen wie Le Pen, Trump oder Erdoğan. Die Erlöserfigur, die das Rad der Zeit zurückdreht in eine geträumte Vergangenheit.

Eine große Illusion!

Da habe ich den Geruch der 1930er-Jahre in der Nase, als für die Leute ein vernünftiger Weg zu einer demokratischen Zukunft nicht mehr greifbar war und sie etwas anderes suchten. Etwas Radikaleres. Da musste einer mit dem eisernen Besen durchgreifen – damals ein geflügeltes Wort. Danach sehnen sich jetzt wieder viele Leute. Darauf sind sie jetzt aus – in der Hoffnung, dass alles neu werden kann. Und dass ein Mann an der Spitze alles umkrempeln kann. Diesen alten Traum will man sich noch einmal verwirklichen. Und das ist sehr gefährlich!

Sie werden bei Lesungen oft gefragt: Wo ist denn Ihre Heimat?

Heimat ist da, wo man Kind war. Eine neue Heimat gibt es nicht. Ich habe Österreich nie verleugnet. Ich war diesem Österreich unendlich dankbar, dass es mir diese Kindheit mit totaler Hingabe und Liebe an dieses Land gegeben hat. Wir haben dieses Österreich geliebt.

Bis Hitler kam.

Ja, viele reden immer noch über die angeblich gute alte Zeit. Aber was hatten die Österreicher von Hitler? Kurz nach dem Anschluss begann der Arbeitsdienst, dann der Krieg mit hohen Verlusten. Also wo war die an Hitler geknüpfte Traumerfüllung? Die fand doch gar nicht statt. Alles, was die Nazis in Österreich konnten, war, 60.000 Wohnungen von Juden zu verschenken. Damit konnte man Staat machen.

Darunter auch die Ihrer Eltern in der Peter-Jordan-Straße?

Ja, ich bin einmal dorthin zurückgegangen, weil wir 1938 alle Möbel und Bilder zurücklassen mussten. Ich wollte nur einmal schauen im Jahr 1949. Und die Bewohnerin sagte: "Plünderungszeit war gestern. Heute ist nichts mehr zu holen für Sie." Und schlug mir die Tür vor der Nase zu. Das sind schon komische Geschichten.

Kommen Sie wieder einmal nach Österreich?

Ich habe jetzt wieder das Ehrenkreuz für Kunst und Wissenschaft angeboten bekommen. Wie schon vor vielen Jahren. Damals, als die FPÖ mit der ÖVP regierte, habe ich dankend abgelehnt. Jetzt sieht es so aus, als würde die FPÖ wieder in die Regierung kommen. Also kann ich die Auszeichnung wieder nicht annehmen. Viel Zeit bleibt mir jetzt nicht mehr.

Sie haben weit mehr als 1000 Interviews gemacht: Somerset Maugham, Romy Schneider, Juliette Greco, Orson Welles ...

Romy war voller Komplexe. Vielleicht war sie eine Masochistin. Juliette Greco habe ich kennengelernt, da hatte sie ihre Nase noch nicht operiert. Und ihre Mutter und ihre Schwester kamen gerade aus einem deutschen Konzentrationslager. Orson Welles war ein Genie und sehr beeindruckend. Aber warum mussten er, Brando und Depardieu so irrsinnig dick werden? Da ist doch irgendetwas, das sie betäuben mussten mit der Fresserei. Ich weiß es nicht. Aber es gibt bei all diesen Gesprächen keine letzten Aussagen. Es gibt nur ein leises Ankratzen, ein Anklopfen an der Seele des Nächsten.

Milo Dor hat einmal zu mir gesagt: "Ich bin gerade fertig mit einem Buch und fürchte mich, dass ich jetzt sterben muss." Woran arbeiten Sie gerade?

Das ist eine eigentümliche Geschichte. Meine Tochter fand vor einigen Wochen in der leer stehenden Wohnung meiner geschiedenen Frau einen Riesenkarton mit Fotos, die ich in den frühen 50er-Jahren in Pariser Abrissgebieten vor allem im Osten der Stadt gemacht habe. Von einem Paris, das es schon lange nicht mehr gibt, das aber aufregend und pittoresk war. Daraus entsteht ein Buch.

Denken Sie an den Tod?

Natürlich. Nach und nach sterben alle Freunde und Bekannten. Mein Bruder ist gerade gestorben mit 97 Jahren. Ich merke auch: Wieso folgt mir der Körper nicht, der doch immer von meinem Geist abhängig war? Warum kickt der Fuß den Ball nicht mehr? Im Moment sage ich mir: Ich möchte nur noch erleben, dass mein nächstes Buch erscheint. Im Oktober.