Kultur 12.03.2018

Tulpenküsse von Friederike Mayröcker

Friederike Mayröcker in ihrem "Hausunwesen" © Bild: ORF

Pathos und Schwalbe: Das neue Buch entstand nach Monaten im Spital.

Sie verkostet die Sprache, seit gut 70 Jahren, gleich wenn sie aufwacht in der Früh: "schmeckt köstlich."

Als Friederike Mayröcker – wenn Österreich je eine Grande Dame der Poesie hatte, dann ist sie es ... als sie wegen der Donnerschläge in ihrem Kopf die Sommermonate 2015 im Krankenhaus verbringen musste, war das Dichten unmöglich.

In ungewohnter Umgebung kommen die Bilder nicht aufs Papier.

Es fehlte das Flüstern und Wispern der Zettelwirtschaft daheim (= in ihrem "Hausunwesen).

Nur Notizen machte sie, ein "Kritzeln", wie es die 93-Jährige nennt. Zum Beispiel eine Beobachtung: "die alte Nonne, HINGEGOSSEN im Ohrensessel."

Erst zu Hause in Wien-Margareten, auf der museumsreifen Schreibmaschine, die kein "ß" kennt, entstand dann der Hauptteil des neuen Werkes: "Pathos und Schwalbe" ist seit dem gestrigen Montag im Buchhandel.

Kein Ende

Für den Lyrikband "fleurs" hatte Mayröcker 2016 den Österreichischen Buchpreis bekommen, aber es war wohl als eine Würdigung ihrer 100 Bücher gedacht gewesen.

In "fleurs" dufteten die Blumen stark, man dachte trotzdem schon an das Verwelken, und es wurde traurig. In "Pathos und Schwalbe" ist die Lyrikerin noch deutlicher, sie rechnet aus, wie viele Tage ihr noch bleiben, um die Arbeit zu Ende zu bringen. Die kein Ende haben kann.

Weshalb Friederike Mayröcker, wie sie seit Jahren sagt, niemals sterben möchte: wegen der Kunst will sie nicht, wegen des unbändigen Schreibens – erglühen will sie, den Himmel mit Worten aufreißen.

"Aber ich fürchte, das ist mir nicht vergönnt."

Ein paar Zeilen Mayröcker pro Tag (mögen sie auch anfangs verwirrend neu sein, sie entschuldigt sich sogar dafür – haltet durch, Leser!) ... nur ein paar Takte von ihr, und man sieht intensiver.

Die Blumenbeete am Nachthimmel. Eine Meise im Gefieder des Baumes. Blitze im Schnee.

Und man hört intensiver. Das Atmen des Waldes. Schubert. Erlauchte Rülpser.

Man lebt dann vielleicht sogar intensiver:

"ich weinte Tulpenküsse"

***

PS: Das Wiedersehen mit dem ausgestorben geglaubten Wort "Tritton" (statt Scooter) war eine Freude.

Friederike Mayröcker: „Pathos und Schwalbe Suhrkamp Verlag. 265 Seiten. 24,70 Euro.

( kurier.at ) Erstellt am 12.03.2018