Charlemagne Palestines „GesammttkkunnsttMeshuggahhLaandtttt“ in der Kunsthalle am Karlsplatz

© Stephan Wyckoff

Kunsthalle Wien
09/12/2015

Traurige Teddys an der Tankstelle

Der Exzentriker Charlemagne Palestine lädt in sein Stofftier-Universum am Karlsplatz.

von Michael Huber

Sie nennen mich den Meschugge-Künstler“, sagt Charlemagne Palestine. Der 70-Jährige – er trägt Leopardensakko, einen federbesetzten Hut und ein buntes Halstuch – verkörpert das Ideal größtmöglicher Durchgeknalltheit überzeugend.

Eben hat Palestine, bürgerlich Charles Martin, den auch von außen einsehbaren Raum der Kunsthalle Wien am Karlsplatz gestaltet (bis 8.11.) – mit Stofffetzen, einem Bösendorfer-Flügel, Videos und jenen Unmengen an Stofftieren, die seit den 1970er-Jahren ein Markenzeichen des gebürtigen New Yorkers sind.

„Es ist eine Ausstellung, die einfach eine Erfahrung ermöglichen soll“, sagt Palestine, der seinem Werk keine großen Theorien, sondern nur den Grundsatz „What you see is what you get“ – was man sieht, bekommt man auch – voranstellt.

Inmitten der Farben, Stoffe und Geräusche lässt sich allerdings rasch erahnen, dass das „GesammttkkunnsttMeshuggahhLaandtttt“ (so der Originaltitel der Schau) mehr ist als der ausgeräumte Dachboden eines wilden Sammlers: Denn Bären und Esel, die Palestine in verschiedenen Arrangements zeigt, entfalten in dem Raum eine tief melancholische Aura.

Die Geschichte, in der die Mutter dem kleinen Charlie kurz vor der Bar Mitzwa seine geliebten Stofftiere wegnahm, muss man dazu gar nicht kennen. Palestine konfrontiert seine Stoff-Schützlinge in der Schau auch mit antisemitischen Cartoons, in denen Esel und Katzen mit stereotyp „jüdischen“ Nasen dargestellt sind; er stopft Plüschtiere in knallrote Koffer oder baut vielgesichtige Totem-Tiere daraus. Entwurzelung, Ausgrenzung, aber auch das Festhalten an der Welt durch teils abstruse, immer wiederkehrende Rituale sind wichtige Motive im Werk des Künstlers, der oft auf seine Herkunft als jüdisches Migrantenkind aus Brooklyn zu sprechen kommt.

Wien–Brüssel–New York

In Avantgarde-Kreisen machte sich Palestine auch mit repetitiven Musikstücken einen Namen. Dass er seine ersten Kompositionen als Glöckner jener Kirche ersann, die sich in unmittelbarer Nähe zum New Yorker Museum of Modern Art befindet, klingt fast zu gut, um wahr zu sein. Wie beim Kunstschamanen Joseph Beuys darf man auch beim „Quasimodo of 53rd Street“ (Zitat Palestine) ein gewisses Maß an Selbststilisierung vermuten.

Interessant ist aber, dass der Künstler mit einer Enkelin jenes Mannes verheiratet ist, der sich einst von Josef Hoffmann das Palais Stoclet in Brüssel erbauen ließ. Auf die „Gesamtkunstwerk“-Idee der Jugendstils bezieht sich Palestine nun auch in der Kunsthalle, der „Tankstelle an der Autobahn gegenüber vom Secessions-Gebäude“, wie er sagt. Nur statt eines goldenen „Krauthappels“ hat der Künstler dort jetzt Discokugeln aufgehängt.