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DOKU
03/25/2013

David Lynch, sein Guru und die Erleuchtung

Regisseur David Sieveking begab sich in "David wants to fly" auf Spurensuche nach der Meditationsbewegung des Gurus Maharishi.

von Peter Temel

David Sieveking hat mit "David Wants To Fly" in fünfjähriger Arbeit einen klugen Dokumentarfilm über Lernen, Vorbilder, Enttäuschung und Entwicklung gemacht - über sein Idol, dessen Guru und über sich selbst. Am Anfang stand die Begeisterung für den amerikanischen Kultregisseur David Lynch ("Blue Velvet", "Lost Highway"). Der Filmstudent wollte irgendwann abgründige Filme machen wie sein Idol. Nur: "Mir fehlen die Abgründe!" sagt er in seinem Film.

Der Guru ist Maharishi Mahesh Yogi. Mit seiner Technik der Transzendentalen Meditation (TM) scharte der Inder weltweit Millionen von Anhängern um sich. Als die Beatles 1968 mehrere Wochen in seinem Ashram verbrachten, wurde er zum berühmtesten Guru der Welt. Seitdem stellten sich immer wieder Prominente in den Dienst der TM-Sache. David Lynch ist der bekannteste und engagierteste Vorkämpfer der Bewegung. Er stattete 2007 u.a. auch Österreich einen Besuch ab, um die "Unbesiegbarkeit" zu verbreiten.

Von all dem hatte David Sieveking wenig Ahnung, als er 2005 eigens nach New York reiste, nur um einer Vorlesung von Lynch zu lauschen. "Transzendentale Meditation war damals ein Begriff wie 'Hallenfußball' für mich," sagt Sieveking, der damals einfach nur mehr über Lynchs Zugang zum Filmemachen erfahren wollte. "Nach dem Vortrag konnte man nur zehn Minuten über seine Filme sprechen, die restliche Zeit ging es nur um Meditation. Da wurde etwa so ein Hirnwellentest mit einem meditierenden Probanden gemacht, dem eine Messkappe auf den Kopf gesetzt wurde - daneben ein Hirnwellenforscher und David Lynch. Es war ein völlig obskures, irritierendes Bild," so Sieveking im Gespräch mit KURIER.at.

Das Interesse des deutschen Jungregisseurs war dennoch geweckt: Er besuchte einDavid Lynch Weekend mit bewusstseinsbasiertem Lernen und Meditation, "mit dem Hintergedanken, ein Werkzeug zu finden, das mir hilft, ein besserer Filmemacher zu werden. Das sollte mir die Quelle der Kreativität erschließen."

Als es ihm dann gelang, ein persönliches Treffen mit dem verschrobenen Kultregisseur zu vereinbaren, war die Kamera bereits dabei und Sieveking tauchte immer tiefer in die Welt der Meditation ein. Lynch, der bereits seit den Siebziger Jahren meditiert, hat den Filmemacher zunächst mit seiner Begeisterung angesteckt. "Er hat mich auf eine Reise geschickt und gesagt:'David, learn to meditate!'Von jetzt an würde ich abheben. Wenn dir das dein Vorbild, dein Idol, sagt, dann gibt dir das einen enormen Schub."

Teurer Weg zur Erleuchtung

"Ich bin dann schnurstracks in Deutschland in so ein TM-Center gelaufen," erzählt der junge Regisseur. "Ich war ein bisschen schockiert, dass das so teuer ist. 2380 Euro hat man ja auch nicht einfach so in der Portokasse."

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Der Blick auf die Mantren-verteilende Meditationsbewegung hat sich schrittweise verändert, meint Sieveking. "Am Anfang stand David Lynch und die Erkenntnis, dass er wirklich ernsthaft hinter dieser Meditation steht und für die eigene Filmarbeit inspiriert zu werden. Mit der Zeit kam dann die Neugier dazu, dass es hier eine seltsame Institution gibt, die unglaublich viele verschiedene Betätigungsfelder hat. Ich habe nur einen Bruchteil von dem in den Film reingebracht, was sich Maharishi alles ausgedacht hat - Mahirishi-Architektur, Mahirishi-Ajurveda, Maharishi-Klangtherapie und Maharishi-Astrologie, etc., er hat sich das absolute esoterische Allround-Programm für den Suchenden zusammengestellt."

Schnell wurde dem mit fast kindlicher Neugier agierenden Regisseur klar, dass er TM selbst ausprobieren müsse, um wirklich einen Film über das Phänomen machen zu können. "Meine Skepsis war sehr vorsichtig und richtete sich nicht gegen die Meditation selbst, der ich auch heute nicht kritisch gegenüber eingestellt bin. Ich stehe nur der Institution, die diese Technik benutzt, kritisch gegenüber. Und dass man das um so viel Geld verkaufen muss, finde ich schade."

"Wie bei James Bond"

Weiter in Richtung investigativer Journalismus entwickelte sich das Filmprojekt, als Sieveking in Indien der groß inszenierten Beerdigung Maharishis beiwohnte. Dreißig Rajas, mehr oder weniger die Nachlassverwalter, defilierten dort in königlichen Roben. Sie agieren in Indien wie Landesfürsten. "Ich fand das erstaunlich, weil das für mich nicht direkt was mit Meditation und einer Idee, wie man den Weltfrieden voranbringt, zu tun hat. davon hat mir auch David Lynch nie etwas erzählt. Das war so ein Punkt, an dem meine detektivische Neugier geweckt wurde."

Dann wurde der Dokumentarfilmer sogar in die TM-Weltzentrale nach Holland eingeladen. Das "Guru Purnima" stand an, zu diesem Hauptfesttag wurde die Führungselite an Maharishis früherem Sitz zusammengerufen. "Das ist ein mit Stacheldraht eingezäuntes Areal mitten im Wald, von Securitys bewacht. Das wirkt eher wie die geheime Schaltzentrale in einem James-Bond-Film, wo an der Weltherrschaft geschraubt wird. Ich wollte diese Leute aber aus ehrlicher spiritueller Neugier treffen, weil es hieß, sie seien erleuchtet und hätten höhere Bewusstseinsstufen erreicht."

Sieveking war zunächst gern gesehener Gast, man dachte wohl, einen willigen Imagefilmer gefunden zu haben. Als er dann aber mit der Kamera Zeuge eines internen Führungsstreits wurde, in dem einem kritischen ehemaligen Weggefährten Maharishis einfach das Mikrofon abgedreht wurde, hörte sich der Spaß auf. Die internen Machttechniker, die gerne in senffarbenen Sakkos auftreten, kündigten plötzlich an, dem Film vor der Erstaufführung auf jeden Fall sichten zu wollen. "Das war der Anfang vom Ende meiner Beziehung zur TM-Bewegung, da gab es einen Bruch,“ erzählt Sieveking. „Ich konnte nicht zulassen, dass meine künstlerische Freiheit beeinträchtigt wird. Sie haben mir einen Drehstopp erteilt, ich durfte keine Kurse mehr besuchen, durfte nicht mehr bei ihren Veranstaltungen filmen. Als sie dann auch noch rausbekommen haben, dass ich mit TM-Aussteigern rede, haben Sie begonnen mir juristisch zu drohen."

Auf dem „Teufelsberg“

Bis jetzt ist es aber nicht zu konkreten Klagen gekommen. Aus verschiedenen Quellen will Sieveking erfahren haben, dass David Lynch dem Film durch einen Rechtsstreit nicht zusätzliche Aufmerksamkeit verschaffen wollte. Lynch soll "David Wants To Fly" auch bereits gesehen haben. Geäußert hat er sich dazu noch nicht.

Sievekings Film versucht, einen direkten Kommentar zu vermeiden. Wobei viele Bilder ohnehin für sich sprechen. Als Lynch nach Berlin anreist, um eine Grundsteinlegung für eine Universät "Unbesiegbares Deutschland" vorzunehmen (sinnigerweise auf dem sogenannten "Teufelsberg"), lässt ein deutscher TM-Raja bei einer Rahmenveranstaltung tief blicken. Ein unbesiegbares Deutschland zu schaffen, das hätten andere auch schon versucht, werfen Zuhörer ein. "Hitler hat das leider nicht geschafft, weil er nicht die richtigen Mittel hatte," tönt daraufhin der "Radscha". Sieveking im Interview: "Immer wenn von einem neuen Menschen gesprochen wurde, der jetzt geformt wird, oder einer Dämmerung eines neuen Zeitalters, sind schon ganz furchtbare Sachen passiert. Da läuten die Alarmglocken!"

Sieveking zeigt aber nicht bloß schaurige Momente wie diese, sondern bringt auch einen charmanten, aber dennoch entlarvenden Humor in seinen Film. Als junge TM-Schüler die Technik des "Yogischen Fliegens" in Form eines Wettbewerbs vorführen, kommentiert Sieveking diese Anstrengungen, denen er sich auch selbst aussetzte, als "doch mehr ein Hopsen". "So lange es kein Auslachen ist", findet der Regisseur diesen Humor auch angemessen. "Es gibt eigentlich kein Bild, das stärker aussagen kann, dass der Mensch nicht fliegen kann, als dieses froschartige Hüpfen. Dazu könnte es kein stärkeres Statement geben."

Superstars als Leitfiguren

Weniger lustig wirkt die Tatsache, wie viele Stars sich in den Dienst der TM-Bewegung stellen und damit - vor allem in den USA - Transzendentale Meditation für Schulkinder propagieren. Die verbliebenen Beatles-Mitglieder scheinen noch immer nicht von Maharishis Charisma geheilt zu sein. Paul McCartney und Ringo Starr nahmen 2009 an einer großen Kundgebung in New York teil, dort spielten auch jüngere Musiker wie Moby, Sheryl Crow und Eddie Vedder. Für 13. Dezember ist wieder ein großes Star-Event geplant, angekündigt sind Clint Eastwood, Donna Karan, Katy Perry und Russell Brand.

Über John Lennon, der sich vor allem in dem Song „Sexy Sadie" kritisch mit TM und Maharishi auseinandergesetzt hat, sagt Sieveking, er würde sich im Gegensatz zu Paul und Ringo wohl nicht dort auf die Bühne stellen. George Harrison, der ebenfalls bereits tot ist, spielte hingegen in den Neunzigern sogar Benefizkonzerte für die Naturgesetzpartei, den politischen Arm von TM.

"Das Problem ist, dass man oft irgendwelche Superstars zu Leitfiguren macht," sagt David Sieveking. "Dabei sind die genauso oder sogar in noch höherem Maße verführbar, wie ein Mensch von nebenan. Gerade solche Leute leben ja in einer gewissen Scheinwelt. Es ist erstaunlich, wie viele Stars in sehr abstrusen Organisationen engagiert sind - ob es Madonna in der Kabbalah-Sekte ist, oder Tom Cruise bei Scientology oder Mel Gibson in dieser komischen katholischen Sekte, es hat fast den Eindruck, dass sich Superstars gegenseitig fragen: 'Wie heißt'n deine Sekte?'"

David Lynch hält er nicht für zynisch. „ Ich glaube nicht, dass er wider besseren Wissens Leute lockt und ausbeutet. Ich halte ihn für einen ehrlichen Individualisten, der glaubt, dass diese Meditation, Yogische Flieger und Pundits für diese Welt das Beste sind, was ihr passieren kann.

McDonald's der Spiritualität

Was die TM-Bewegung insgesamt von Anfang an angetrieben habe? "Das Ganze ist ein Personenkult um den Maharishi, der wahnsinniges Charisma hatte. Er wollte einfach maximal viele Leute von seiner Meditationstechnik überzeugen. Später kam dann immer wieder Neues dazu, etwa, den Weltfrieden zu produzieren. Im Kern ist da ein turbokapitalistischer Gedanke dahinter: Ich muss immer weiter wachsen, um am Leben zu bleiben. Manche sehen TM ja als McDonald's der Spiritualität, überall werden diese Niederlassungen aufgemacht, überall stößt man auf die gleichen Leute, diese TM-Lehrer, die alle genau das gleiche sagen. All diese Kurse sind streng reglementiert. Totales Franchise.
Maharishi hat einmal gesagt: 'I have to multiply myself'. Die TM-Lehrer nannte er 'My Loudspeakers'. Damit nimmt er den Leuten eigentlich die Menschenwürde. Ich finde es nicht sehr spirituell, wenn alle in denselben Schuh passen sollen. Hinduismus ist an sich auch nicht missionarisch. Man wird hineingeboren oder nicht. Eigentlich haben die keine expansiven Gelüste. Aber was Maharishi gemacht hat, war massiv missionarisch."

Die Suche nach den Ursprüngen von Maharishis Meditationstechniken führten David Sieveking bis nach Indien, wo er u.a. mit Svari Svarupanand sprach, einem ehemaligen Schüler Guru Devs, jenes Gurus, auf den sich auch Maharishi bezog. Letztlich führt der Film bis an die Quellen des Ganges, wo der Ursprung des Hinduismus zu suchen ist.

Selbst-Suche

Der Film ist auch eine Suche nach sich selbst. Immer wieder bringt der Regisseur die schwierige Fernbeziehung zu seiner Freundin als Zweithandlung ins Spiel. Als Vorbild nennt Sieveking unter anderem den frühen Michael Moore: „Ich mag seinen persönlichen Stil, besonders in dem Film „Roger & Me“, seinen Humor und seine sezierende Art, an etwas dranzubleiben“. So wie Moore macht Sieveking auch die Produktionsbedingungen zum Thema des Films: „Mir gefällt das, die Karten auf den Tisch zu legen, um auch den Prozess erfahrbar zu machen. Es gibt keine objektive Realität ohne diese Produktionsbedingungen.“ Dass er im Film ständig einen schwarzen Hut trägt, ist nicht bloß persönlicher Spleen sondern drücke auch eine Verehrung für Charlie Chaplin aus. Der Hut erinnert ihn ein bisschen an „The Tramp“, erfülle aber auch gleichzeitig die Funktion, dem Film zusätzlich Kontinuität zu verleihen.

Schön an dem Film ist das scheinbare Paradoxon, dass Sieveking mit den Geistern ringt, die ihn erst auf den Weg dieser Sinnsuche gebracht haben. "Der schöne Traum, dass TM die Lösung ist, ist total geplatzt," sagt er. "Es wäre ja toll, die Antwort zu haben und jeden Tag zu wissen: Man macht genau das Richtige und befördert damit auch noch den Weltfrieden. Das ist ja auch das Verlockende an diesen Utopien, nicht mehr nachdenken zu müssen. Die Welt funktioniert aber anders und es ist auch gesund, dass man jeden Tag aufs Neue Verantwortung übernehmen muss, und die nicht abgibt an irgendeinen Guru oder ein System."

Seine Beziehung zu David Lynch resümiert er so: "Ich habe ihn jetzt nicht wirklich persönlich kennengelernt, sondern als Funktionär dieser TM-Bewegung. Ich habe ihn als sehr sympathischen Menschen empfunden und sehe ihn weiterhin als genialen Filmemacher. Das kann ihm ja auch keiner wegnehmen. Aber als Mentor für Meditation und Bewusstseinserweiterung ist er für mich keine Instanz mehr. Ich bin ihm trotzdem dankbar dafür, dass er mich auf diesen Weg geschickt hat, weil es unglaublich ist, was ich dadurch erlebt habe. Mein Bewusstsein hat sich ja tatsächlich erweitert, aber nicht in der Form, wie das David Lynch gerne gesehen hätte. Man muss, denke ich, differenzieren zwischen einem genialen Künstler und einem Lehrer für sein Leben.“

Zukunft

Wie er seine Zukunft als Filmemacher sieht? „Durch meine jahrelange Recherche in diesem Sektenbereich bin ich auf so unglaublich viele echt abgründige Geschichten gestoßen, das wäre Stoff für zig Drehbücher.“ Vorerst stehen aber noch Verhandlungen darüber an, ob der Film auch in den USA einen Verleih finden wird. Dort sei das Thema TM wesentlich präsenter als in Europa.

Wenn er in Zukunft einen Spielfilm machen würde, würde er es „nicht so düster und mysteriös machen wie Lynch, dazu bin ich nicht der Typ. Ich hab auch nicht so viele Neurosen und Ängste, von denen Lynch erzählt, die er durch die Meditation angeblich losgeworden ist. Ich glaube ja, dass er sich eher durch seine Filme therapiert hat. Lynch hat anscheinend genügend abgründige, verstörende Filme gemacht. Vielleicht ist das nun sozusagen kathartisch draußen aus seinem System, er hat jetzt vielleicht genügend Bösewichte und verrückte Gestalten kreiert, dass er jetzt eben ein bisschen heile Welt spielen muss. Es gibt es ja viele Beispiele von Künstlern, die sich im Alter einer bestimmten Lehre unterordnen, obwohl sie davor kritische Geister waren. Das hat vielleicht auch so einen Reiz, sich noch eine bestimmte Aufgabe zu suchen.“

Dass der Film eine Art künstlerischer Selbstfindungsprozess gewesen sei, bestätigt der Filmemacher, betont aber: „Ich bin auf keinen Fall ein zweiter David Lynch, obwohl ich seinen Vornamen teile, das wäre auch peinlich, so etwas zu probieren. Man muss seine eigene Sprache finden und da liege ich wohl irgendwo zwischen David Lynch und Woody Allen,“ meint er lachend.

Mit einem gewissen Augenzwinkern erzählt er auch, dass David Lynch mittlerweile angekündigt hat, seinen eigenen, den „Definitiven Film über Maharishi“ zu machen, mit dem Arbeitstitel: „Ein Instrument zur Erleuchtung der Welt“. Ob dies ein Dokumentar- oder ein Imagefilm werden soll, darauf könne man gespannt sein.

(Peter Temel)

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