„Toy Story 5“: Alte Freunde und eine Klopapierrolle in digitaler Gefahr
Sogar Jessie, Buzz und Woody glotzen kurz ins Tablet: „Toy Story 5“widmet sich den neuen Realitäten in den Kinderzimmern.
1995 sang Randy Newman zum ersten Mal „You’ve Got a Friend in Me“ und beschrieb damit die Freundschaft der Spielzeugfiguren Sheriff Woody Pride und Buzz Lightyear, aber auch die Rolle von Spielzeug für Kinder. Am Ende des Songs heißt es: „Und wie viel Jahre auch vergehen, unsere Freundschaft wird niemals sterben. Du wirst sehen, es ist unsere Bestimmung.“
Auch mehr als dreißig Jahre nach John Lasseters „Toy Story“ scheint sich die Animationsschmiede Pixar – mittlerweile längst bei Disney gelandet – an diese Bestimmung zu halten. Mit „Toy Story 5“ kam die Reihe nach siebenjähriger Pause fulminant zurück. Rund einen Monat nach dem Kinostart in den USA und vielen anderen Ländern liegt der Film bei weltweiten Einnahmen von rund 900.000 Dollar und hat nur noch das Jackson-Biopic „Michael“ und den Animationsfilm „Super Mario Galaxy Movie“ (1,01 Mrd. Dollar) vor sich – trotz Konkurrenz durch die Fußball-WM. Um dem Großevent auszuweichen, läuft „Toy Story 5“ in Deutschland und Österreich erst am 23. Juli an.
Tablet übernimmt Kommando
Andrew Stanton war bereits beim Ur-„Toy Story“-Film als Co-Drehbuchautor involviert, führte Regie bei „Findet Nemo“, „Findet Dorie“ und „WALL·E“. Nun verantwortete er seinen ersten „Toy Story“-Film als Regisseur. Die Idee, dass ein grünes Tablet namens „Lilypad“ nun das Kommando in Bonnies Kinderzimmer übernimmt (siehe Kasten unten), sei von ihm gekommen, sagt er auf eine Frage vom KURIER: „Ich fand den Aspekt spannend, dass Kinder schon in immer jüngeren Jahren – schon seit fast einem Jahrzehnt – digitale Geräte nutzen. Das muss zwangsläufig die Dynamik in den Kinderzimmern verändert haben.“
Lindsey Collins ist Senior-Vizepräsidentin der Entwicklungsabteilung bei Pixar. Die Produzentin von „WALL·E“, „Rot“, „Findet Dorie“ und nun auch „Toy Story 5“ sagt zur Themensetzung: „Die Idee, einen “Toy Story„-Film zu drehen, ohne über Technologie zu sprechen, würde suggerieren, dass wir nicht über die Zeit sprechen, in der wir leben. Die Tatsache, dass Technologie zunehmend im Leben von Kindern präsent ist, erschien mir selbstverständlich.“
Lindsey Collins und Andrew Stanton (li.) mit den Promi-Stimmen Tom Hanks, Tim Allen, Joan Cusack und Greta Lee.
Kein klassischer Bösewicht
Das froschartige „Lilypad“ übernimmt zwar den Part der Antagonistin, aber Stanton will den Begriff „Bösewicht“, bewusst vermeiden, „weil er den Eindruck erweckt, jemand hätte böse Absichten. Mich interessieren Wesen, die einfach tun, woran sie glauben, dabei aber anderen im Weg stehen.“ Dies habe ganz am Beginn auch für Buzz Lightyear gegolten. Nun sei die Idee gewesen: „Die Technologie soll Bonnie helfen, Freunde zu finden. Lilypad wurde darauf programmiert, sie ist sehr attraktiv für das Kind und bekommt dessen volle Aufmerksamkeit. Plötzlich war da eine Figur mit einer Agenda, die man nicht infrage stellen konnte, aber irgendetwas daran fühlte sich falsch an, es war fehlerhaft, und genau das machte es interessant.“
Stanton, der Vater von zwei Kindern ist, hätte es falsch gefunden, „Technologie grundsätzlich als schlecht zu zeigen. Jeder versucht, sie zu benutzen. Die Schwierigkeit liegt darin, wie man sie einsetzt, wie viel oder wie wenig. Es ist wie mit dem Feuer: Es kann einen verbrennen oder wärmen, aber es wird nicht verschwinden.“
Fantasie als Hoffnung
„Kindheit ist heutzutage schwierig“, sagt Collins, die selbst drei Kinder hat. „Kinder haben mit Dingen zu tun, die den Eindruck erwecken, alles sollte einfach sein. Aber in manchen Situationen kann es sich sogar eher isolierend als verbindend anfühlen. Der Film versucht, darüber zu sprechen, dass Kinder diesen Kampf schon immer durchgemacht haben, aber dass Technologie in dem Bemühen, die Dinge zu verbessern, manchmal genau das Gegenteil bewirkt. Hoffentlich vermittelt er aber auch die Hoffnung, dass unsere Fantasie, unser Spieltrieb genau das sind, was uns jederzeit zur Verfügung steht und das uns miteinander verbinden kann.“
Sehr verspielt wirkt Smarty Pants, ein Töpfchentrainingsgerät, das für Lacher sorgt. Ein Praktikant hatte die Idee, die Figur als Klorolle mit Griff zu skizzieren, erzählt Stanton. „Wir mussten ununterbrochen lachen. Die Frage war: Wer ist der Klassenclown, der die passende Stimme dazu hat? – Alle dachten sofort an Conan O’Brien.“
„Ein sehr seltsames Gefühl“
Dass die Fantasie in „Toy Story“ – visuell nun wesentlich detaillierter – die Menschen schon so lang begleitet, fasziniert Stanton: „Wenn ich Jahrzehnte zurückblicke, ist es so, als ob ich plötzlich blinzelte und dieses Ding sich anfühlte, als hätte es schon immer existiert, bevor ich existierte. Es ist ein sehr seltsames Gefühl.“
Smarty Pants ist einer der neuen „Toy Story“-Helden.ist
In die Welt von „Toy Story“-findet man schnell (wieder) hinein. Cowboypuppe Woody (im US-Original mit der Stimme von Tom Hanks, in der deutschen Version von Michael „Bully“ Herbig) hat dem Cowgirl Jessie (Joan Cusack) das Kommando im Zimmer der achtjährigen Bonnie überlassen. Weltraum-Actionfigur Buzz Lightyear (Tim Allen) ist nervös, weil er Jessie einen Antrag machen will.
Das wahre Problem liegt wo anders: Bonnie bekommt ein „Lilypad“ im Froschdesign geschenkt. Über Social Media soll sie endlich andere Mädchen kennenlernen – doch die hängen auch permanent vor ihren Tablets. Für Spielpuppen ist da kein Platz mehr. Jessie und Buzz rufen in der vertrackten Situation Woody zu Hilfe. Auch ein ganzes Geschwader aus Buzz Lightyears mit zahlreichen Hi-Tech-Funktionen mischt mit. Technik hat auch ihre guten Seiten. Am zweiten Schauplatz, einer abgelegenen Ranch, sind es allerdings veraltete Elektronik-Spielzeuge, die den Unterschied machen. Allen voran die sprechende Klopapierrolle Smarty Pants (Comedy-Star Conan O’Brien), die früher Kindern beim sauber werden half. Die Neuzugänge bei „Toy Story 5“ sind durchwegs genial gelungen. Eine Mini-Rolle als Erdnuss Dr. Nutcase hat Kabarettist Gery Seidl.
Der Aufstand der analogen Spielzeuge ist ein turbulenter Genre-Mix von Sci-Fi bis Western und unterhält bis zum Showdown blendend. Am Ende singt sogar Taylor Swift („I Knew It, I Knew You“). Und eine versteckte Post-Credit-Szene weckt Hoffnung auf einen sechsten Teil. Pixar scheint jedenfalls topmotiviert.
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