selbst ein Ruheloser: der Londoner Tom Rachman 40, lebte bisher in Vancouver, New York,  Rom, Indien, Sri Lanka und Paris

© dpa/Fredrik Von Erichsen

Auf welche großen Mächte können wir verzichten?
11/01/2014

Auf welche großen Mächte können wir verzichten?

Es dauert, bis man sich in diesen Roman der Ruhelosigkeit heftig verschaut.

von Peter Pisa

Der Titel täuscht: "Aufstieg und Fall großer Mächte" vom Engländer Tom Rachman handelt nicht von Habsburgern und nicht von der einstigen Kolonialmacht Großbritannien.

Sondern von der Familie. Von der Macht, die Eltern haben, anfangs. Von den großen Mächten, die ins Leben eines Kindes drängen. Welchen Erwachsenen kann man getrost fallenlassen?

Und wen will man behalten, bevor er verfällt?

Auch der Anfang täuscht, indem er derart ruhig ist:

Ein 300-Seelen-Dorf in Wales. Ein Buchantiquariat. Ein Sessel. Eine 30-Jährige, Matilda Zylberberg heißt sie, alle sagen Tooly zu ihr. Es ist ihr Geschäft. Sie liest. Am liebsten liest sie "Nicholas Nickleby" von Dickens.

Selten kommt ein Kunde – auch Bücher sind eine schwindende Macht –, aber er kommt nur, um eine ISBN-Nummer zu notieren und übers Internet zu bestellen.

Manchmal spielt Tooly auf der Ukulele. Wer ist sie? Weiß sie es denn selbst?

Menscheln

Tom Rachman hätte es sich nach seinem Riesenerfolg "Die Unperfekten" bequem machen können: Über den Tod einer englischen Tageszeitung hat er geschrieben ... "In diesem Raum war einmal die ganze Welt gewesen. Jetzt war hier nur noch Müll."

Auf dieser Schiene wäre noch einiges zu holen gewesen. Rachman nahm im zweiten Roman Risiko. Er wagte eine Konstruktion, die einem Puzzle ähnelt; und zeigt damit, wie heute anders gemenschelt wird: Man ist nicht mehr nur New Yorker, Favoritner, Chinese. Man kommt herum, wechselt, ist ruhelos.

Ruhelos?

Diese Tooly mit ihren Büchern und der Ukulele?

Abwarten. "Aufstieg und Fall großer Mächte" braucht Zeit. Dann wirkt es. Dann trifft es. Dann ist es.

Man wird Tooly als Zehnjährige, 20-Jährige, 30-Jährige kennenlernen.

Als Kind flüchtete der Vater mit ihr vor der Mutter nach Thailand. Dann verschwand auch er spurlos. Eine fremde Frau kümmerte sich plötzlich. Und ein Mann mit russischem Akzent. Der war lustig.

Ein Gammler. (Schönes, altes Wort). Ein Gammler, der Schach spielte und philosophierte. Und der Tooly ermahnte, weil sie im Alter von zehn noch nicht Oswald Spenglers "Untergang des Abendlandes" gelesen hatte.

Zu ihm wird sie, mit 30, zurückkehren. Der Alte sieht nichts mehr und hört nichts und kennt den Unterschied zwischen Kirschen und Trauben nicht mehr. Aber er war diese eine Macht, auf die man nicht verzichten will.

Zuhause

Mit 20 wanderte Tooly. Quer durch Amerika. Durch Argentinien, Spanien. Manchmal verschaffte sie sich Zutritt in Wohnungen, indem sie schwindelte, hier einmal gelebt zu haben. Sie wollte sehen, wie das ist, wenn man ein Zuhause hat.

Was soll man noch viel sagen? Lesen wäre angebracht. Der ganze Roman ist eine Täuschung: Weil er vorgibt, bloß ein Leichtgewicht zu sein.

KURIER-Wertung:

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