Kultur
05.12.2011

Tod eines Patriarchen, der die Politik prägte

Hans Dichand, der Gründer und langjährige Macher der Kronen Zeitung, starb am Donnerstag im Alter von 89 Jahren im Wiener AKH.

Sein Büro befand sich im 16. Stock des Krone-Hauses im 19. Wiener Bezirk. Tagtäglich, auch samstags und sonntags, pflegte Hans Dichand in einem engen Lift, der nur in sein Stockwerk führte, zu seinem Büro mit Blick über Wien hinaufzufahren. Dort nahm er seinen Lieblingsplatz ein, an einem mit Leder bezogenen runden Tisch, an dem er seine Besucher empfing. Kaum ein Spitzenpolitiker des Landes, der dem Eigentümer des reichweitenstarken Blattes nicht seine persönliche Aufwartung im Krone-Haus machte.

An diesem runden Tisch pflegte Dichand mit einer riesigen Schere Artikel aus internationalen Medien auszuschneiden, die er dann an seine Redakteure verteilte. Man möge etwas aus der Story machen. Dort bearbeitete er auch eigenhändig die Leserbriefe und rückte sie, versehen mit den Setzerzeichen wie aus den Zeiten der Bleidruckplatten, ins Blatt. Dichand benutzte bis zuletzt weder einen Computer, noch eine Schreibmaschine. Er verfasste seine Kolumne handschriftlich, seine Sekretärin tippte sie ab.

Mails an die Krone wurden ihm ausgedruckt. Sein liebstes Medium war das Fax. "Er liebte es, wenn das Papier aus dem Gerät kam", schildert eine langjährige Krone -Mitarbeiterin. All diese persönlichen Gewohnheiten zeigen: Mit Hans Dichand starb ein Abschnitt personifizierter Zeitungsgeschichte.

Letzte Station

Vor acht Tagen wurde der 89-Jährige mit Blaulicht ins AKH gebracht. Es wurde seine letzte Station. Das Krankenhaus wurde von der Familie nicht ermächtigt, Auskunft zu geben. Kursierenden Ondits zufolge hing Dichand in der Intensiv-Station an der Herz-Lungenmaschine. Hinzu gekommen ist dem Vernehmen nach ein Nierenversagen.

Donnerstag Vormittag verschlechterte sich sein Gesundheitszustand rapide, die Familie eilte ins Krankenhaus. Am späten Vormittag ist Dichand verstorben. Gegen 13.30 Uhr vermeldete die Krone das Ableben ihres Gründers und Eigentümers auf ihrer Homepage.

Die Reaktionen aus der Politik sind zahlreich. Kanzler Werner Faymann, der lange Zeit ein besonders enges Verhältnis zu Dichand hatte, trauert um einen "begnadeten Blattmacher, der Geschichte geschrieben hat". Finanzminister Josef Pröll verhehlt nicht, dass es "manchmal grundlegende Unterschiede in der Bewertung politischer Zusammenhänge" gab, würdigt aber Dichands "journalistisches Gespür und herausragende Qualität als Blattmacher".

Bürgermeister Michael Häupl: "Sein besonderes Gespür für die Meinung der Menschen quer durch das Land machten ihn zu einem der ganz Großen der Medienszene. Landeshauptmann Erwin Pröll nennt ihn einen "mutigen Zeitungsmacher mit untrüglichem Spürsinn für Geschichten, die Menschen bewegen". FPÖ-Chef Heinz Christian Strache: "Österreich hat einen großartigen Medienmacher und Menschen verloren." BZÖ-Chef Josef Bucher: "Er war ein aufrechter Österreicher."

Anteilnahme

Einer, den Dichand in der Krone in den letzten Monaten nahezu täglich niederschreiben ließ, ist Bundespräsident Heinz Fischer. Der Nachruf des Staatsoberhaupts liest sich auch etwas nüchterner als manche andere Stellungnahme. Fischer würdigt den "Kunstsinn" des reichen Zeitungsherausgebers, nennt ihn eine "Persönlichkeit, die mehr als ein halbes Jahrhundert auf dem Mediensektor mit großem Einfluss tätig war". Der Familie Dichand drückt das Staatsoberhaupt "aufrichtige Anteilnahme" aus.

Dichand hinterlässt eine Ehefrau und drei Kinder. Die 50-Prozent-Anteile an der Krone (die andere Hälfte besitzt die WAZ) gehen an die Familie. Hans Dichands Sohn Christoph ist als Chefredakteur in der Tageszeitung tätig.

TV-TIPP
18.6.2010, ORF 2, 9.30 Uhr
Menschen & Mächte Spezial

Nachruf: Hans Dichand 1921-2010

Er war Journalist durch und durch - und wurde zu einer gestaltenden Persönlichkeit der Zweiten Republik. Er bekam den Beinamen "Medienzar" - war aber weitaus eher der Inbegriff des "Zeitungs-Patriarchen". Er polarisierte - und war doch einer der wenigen, auf die das Beiwort passte: "Ein Mann der alten Schule".

Der Journalist, Herausgeber und Kunstsammler Hans Dichand ist im Alter von 89 Jahren verstorben. Kaum vorstellbar in dieser Zeit der Schnelllebigkeit: 51 Jahre lang hat Hans Dichand die Kronen Zeitung geführt. Die Leitung des Kleinformats gab er bis ins hohe Alter nicht aus der Hand.

Herkunft

Dabei war es Hans Dichand nicht in die Wiege gelegt, zum Zeitungsmacher aufzusteigen. Der 1921 gebürtige Grazer bewarb sich schon mit 14 Jahren bei der damaligen Kronen Zeitung, wurde aber zu einer Schriftsetzer-Lehre umgeleitet. Im Zweiten Weltkrieg meldete er sich freiwillig zur Kriegsmarine. Die Zerstörung des Tansportschiffes "Leverkusen" 1941 durch zwei Torpedos überlebte er nur knapp. Erst nach Kriegsende 1945 begann seine journalistische Laufbahn: Erst bei der Murtaler Zeitung, dann bei der Kleinen Zeitung.

1954 ging er nach Wien und wurde Chefredakteur des Neuen KURIER, der aus dem offiziellen Blatt der US-Besatzungsmacht hervorging. Nach einem Streit mit Eigentümer Polsterer verließ Dichand 1958 den KURIER.

Mit einem Startkredit, den ihm ÖGB-Chef Franz Olah vermittelte, kaufte er die Rechte am Titel Kronen Zeitung. Im April 1959 startete er mit Partner Kurt Falk das Kleinformat, das zur Erfolgsgeschichte des österreichischen Zeitungsmarktes wurde. Seit 1968 ist die Kronen Zeitung die größte Tageszeitung Österreichs. Ab den 1970er-Jahren lebten sich Dichand und Falk auseinander. In den 1980ern zahlte Dichand Falk aus: Die deutsche WAZ sprang als Miteigentümer bei der Krone ein - dann auch beim KURIER. Die Folge: Gründung des gemeinsamen Mediaprint-Konzerns.

Der WAZ-Einstieg legte aber auch den Grundstein für den späteren geradezu biblischen Konflikt Dichands mit den WAZ-Eigentümern: Sie lehnten dessen Wunsch ab, die Krone-Führung in Familientradition an Sohn Christoph zu übergeben. Die Trennung Dichand - WAZ wurde erst im Vorjahr abgeblasen: Zu teuer.

Bittere Folge dieses Streits: Dichand verkrachte sich im hohen Alter auch mit engsten Weggefährten wie "Bibi" Dragon oder Michael Kuhn. Eine gewisse Vereinsamung des Krone-Blattmachers war die Folge.

Politik-Macher

Wofür Dichand und Krone aber in Österreich zuletzt standen, war ihre Strategie, das Gewicht des Massenblattes in der Innenpolitik einzusetzen. Je länger Dichand die Krone führte, desto mehr wurde er sich seiner innenpolitischen Macht bewusst. Das ging mal gut, mal schlecht: Gut im Streit um den Sternwartepark 1973. Anfangs sehr schlecht bei der Besetzung der Hainburger Au 1984, als die Krone zuerst auf ÖGB-Linie war. Erst als Kanzler Sinowatz umschwenkte, schlug sich auch Dichands Krone auf die Seite der Umweltschützer. Nichts brachte der Krone-Einsatz gegen das AKW Temelin und die Beneš-Dekrete in Tschechien.

In den letzten Jahren setzte Dichand vor allem über die Leserbrief-Seiten sein Blatt gegen die EU ein. Der Brief Faymann/Gusenbauer an die Krone mit ihrem Schwenk in der EU-Politik beendete die Schüssel-Ära und machte den Weg frei für eine Faymann-Pröll-Koalition. Ironie der Zeitgeschichte, dass der amtierende Bundeskanzler Faymann das informelle Label "von Dichands Gnaden" trägt. Blattmacher Hans Dichand, Österreichs bedeutendster Klimt-Sammler, mag es gefreut haben, mit dem Gewicht seines Lebenswerks den Kurs Österreichs beeinflusst zu haben.