Schriftsteller René Freund: Seine Tochter brachte ihn auf Roman-Idee

© Thom Trauner, thom@thom-trauner.

Interview
05/23/2021

Tinder-Date im Lockdown: "Eingesperrt und aufeinander angewiesen"

René Freund schrieb einen leichtfüßigen Lockdown-Roman: "Das Vierzehn-Tage-Date"

von Peter Temel

„Ich leide nicht an Corona“, sagt David in René Freunds neuem Roman. „Ich leide an Corinna.“

David ist ein sehr organisiert und vegan lebender Musiklehrer, der sich über eine Tinder-Verabredung die unbekümmerte Kellnerin Corinna in die Wohnung gewischt hat. Beide merken sofort, dass das nichts wird mit ihnen. Dennoch bleibt Corinna – alkoholbedingt – über Nacht.

Am nächsten Morgen scheint nicht nur die Erinnerung wie weggewischt, auch die allgemeine Realität ist plötzlich eine völlig andere. Corona hat – wie auf so viele andere – massive Auswirkungen. Der Pizzabote, der abends in der Wohnung stand, wurde positiv getestet. Nun müssen Corinna und David laut Quarantänebestimmungen 14 Tage miteinander auskommen.

Idee der Tochter

Es ist die Zeit des ersten Lockdowns, die Freund gewohnt leichtfüßig und humorvoll beschreibt. Der Text ist auch zu jener Zeit im Frühling 2020 entstanden, als noch nicht klar war, wohin das alles führen würde.

Freund, der im idyllischen Almtal (OÖ) lebt, bekam den Stoff von seiner 17-jährigen Tochter erzählt. „Ob sie das geträumt hat oder ob es ihr so eingefallen ist, wusste sie selber nicht mehr so genau“, erzählt Freund, „aber es stand plötzlich ganz groß da in ihrem Kopf.“

Schriftdenker

Obwohl Freund keine Erfahrung mit Partnersuch-Apps hat, legte er sofort die Arbeit an einem anderen Roman nieder. „Einfach, weil diese Pandemiesituation so außergewöhnlich war. Ich kann solche Dinge beim Schreiben am besten verarbeiten, ich bin ein Schriftdenker“, sagt er. "Und ich habe mich jeden Tag aufs Weiterschreiben gefreut, bin mit den Figuren im Kopf eingeschlafen und wieder aufgewacht."

Er verarbeitete die Lockdown-Geschichte zunächst als Theaterstück. Aber durch den weiteren Verlauf der Pandemie musste die Premiere mehrmals verschoben werden. Schließlich machte der Autor den Roman „Das Vierzehn-Tage-Date“ (Zsolnay Verlag) daraus.

Dass das omnipräsente Nachrichtenthema Corona noch länger abliegen müsste, bevor man es literarisch verarbeiten kann, findet er nicht. Freund: „Ich habe immer jene Künstler bewundert, die nicht im Elfenbeinturm arbeiten. Gerade vor hundert Jahren haben viele Schriftsteller sehr schnell auf neue Gegebenheiten reagiert, ohne dass ihnen wahnsinnig wichtig war, wie literaturhistorisch wertvoll das einmal wird.“ Er wollte ebenfalls „ohne den Anspruch, dass man das Corona-Ding schlechthin bringen muss“ an die Sache herangehen.

Klassische Konstellation

„Im Prinzip ist das eine klassische Beziehungsgeschichte“, erklärt er. „Zwei ,Fish out of water’, die sich nicht mögen, sind eingesperrt und aufeinander angewiesen. Es hätte auch eine Seilbahn stehen bleiben können. Hier ist es halt Corona.“

Dennoch spielt die Pandemie eine zentrale Rolle. Worte wie Absonderungsbescheid, Inzidenzen, kritische Infrastruktur tauchen immer wieder auf. Freund: „Ich hoffe zwar, dass wir uns an das Wort Absonderungsbescheid in fünf Jahren nicht mehr erinnern. Aber ich wollte solche Dinge festhalten, weil sie nun ein Teil Alltagsgeschichte sind.“

Jeden Abend betreiben die beiden – eigentlich Fernsehabstinenzler – gemeinsames „Krisenfernsehen“. Auch seine Kinder, die zuvor nur noch gestreamt haben, hätten sich in der Pandemie wieder die „Zeit im Bild“ – wenngleich zeitversetzt – angesehen, erzählt Freund. „Man hat gesehen, dass Leitmedien wie ORF, KURIER und Standard wieder wahnsinnig wichtig geworden sind. Auch die Jüngeren sehen: Es ist gut gemacht.“

In den beiden Hauptfiguren spiegeln sich soziale Gegensätze. Während David als Lehrer sozial einigermaßen abgesichert ist, kann Corinna ihren Kellnerinnenjob vorerst abschreiben. 

Freund glaubt, dass die finanziellen Probleme für viele erst richtig beginnen, wenn die Hilfen aufhören. "Dann wird man halt sparen müssen und man sieht ja jetzt schon, wie bei den Arbeitslosen gespart werden soll. Also man beginnt einmal ganz unten, wie es immer so ist. Das halte ich für eine Katastrophe." Viele Künstler würden jetzt schon "nah an der Grenze zur Selbstausbeutung" arbeiten, meint er.

"Komplett in die Hose gegangen"

Warum waren die Künstler dann bisher nicht lauter?

Freund: "Weil viele von uns auch verstanden haben, dass diese Maßnahmen ja alternativlos waren. Ja, und der Jammer ist, dass man nicht gemeinsam mit diesen Covidioten, die sich auf Demonstrationen sogar mit Sophie Scholl verglichen haben, gemeinsam an Bord sein wollte. Bevor man mit denen identifiziert wird, ist man lieber still." Das habe man auch an der "missglückten" Aktion #allesdichtmachen gesehen. "Das sind ja auch alles keine Arschlöcher oder Trotteln gewesen. Aber es ist einfach komplett in die Hose gegangen."

Live-Erlebnis

Der Roman erzählt auch vom Gegensatz zwischen realer und virtueller Welt. David ist auf Tinder ein wesentlich charmanterer Kerl als in der Realität, während Corinna ein wahrer Wirbelwind mit Hang zum Chaos ist. Freund schätzt zwar die Möglichkeiten der virtuellen Kommunikation, aber: „Das ersetzt keinen persönlichen Kontakt, weil es etwas gibt, das ich G’spür nenne. Was aber nur entsteht, wenn zwei Menschen aufeinandertreffen. Ich glaube, danach lechzen jetzt alle.“

Auch das Live-Kulturerlebnis lasse sich nicht ersetzen, meint er. „Ich habe jetzt wieder Lesungen. Aber weil es von den Maßnahmen her derzeit wirklich nicht gemütlich ist, dachte ich, es wird kein Mensch kommen. Und man sieht: Sie waren binnen weniger Tage ausverkauft.“ Für den Herbst befürchtet er allerdings einen Stau bei den Lesungen, man bekomme jetzt schon kaum Termine mehr.

Für die Bühnenversion, „Corinna & David“, gibt es aber nun wenigstens ein Premierendatum: Am 27. Juli auf der Freiluftbühne im Wiener Metropol.

Und der nächste Roman?

Freund verrät nur so viel: „Corona wird mit keinem Wort vorkommen. Er spielt sicherheitshalber vor dieser Zeit, da bin ich schon aus dem Schneider.“

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