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Interview
09/25/2021

Tilda Swinton: "Ich weiß gar nichts übers Schauspiel“

Die Schauspielerin über Film und Wirklichkeit, über Geld und Show und über den historischen Beitrag von Regisseurinnen.

von Elisabeth Sereda

Man erkennt sie von Weitem: die große Frau mit den markanten Gesichtszügen, dem hellblonden Kurzhaarschnitt, dem androgynen Look. Tilda Swinton, die Tochter einer schottischen Adeligenfamilie, die unglaubliche 60 ist, aber ganz ohne plastische Hilfen viel jünger aussieht, die Schauspielikone, die sich nicht als Schauspielerin sieht, die intelligenter ist als die meisten und die, im Gegensatz zu ihren Auftritten im Leben, auf der Leinwand in ihren Rollen verschwindet.

Rollen, die nicht verschiedenartiger sein könnten. In einem Business, das zum größten Teil aus Kopien besteht, ist sie ein Unikat.

Ein Gespräch über Film und Wirklichkeit.

KURIER: Ihre Rollen könnten nicht verschiedener sein. Wonach richtet sich die Auswahl?

Tilda Swinton: Ich wähle nicht die Rolle, habe das nie getan. Ich wähle die Menschen, die Mitstreiter, oft lange bevor es ein Projekt gibt. Apichatpong Weerasethakul, für dessen Film „Memoria“ ich in Cannes war, ist jemand, dessen Arbeit ich schon seit Jahren bewundere. Ich traf ihn in Cannes, wo ich in der Jury war und wir ihm einen Preis für sein Meisterwerk „Tropical Malady“ überreichten. Wir wurden Freunde und hatten eine Idee für einen gemeinsamen Film. Das ist jetzt über 15 Jahre her. Das ist kein Rollenangebot, das ist eine Beziehung. Und es ist eine Metapher für mein Leben. Ich kommuniziere.

Was ist Film für Sie?

Etwas Grenzenloses, etwas Transzendentales. Freiheit und auch Spiel. Und dieses Grenzenlose an ein bestimmtes Genre oder ein bestimmtes Geschlecht zu binden, scheint mir eine ungeheure Verschwendung dieser Freiheit. Und es ist für mich Spiel, war es immer, ich sehe und sah darin nicht einmal annähernd etwas Professionelles. Ich bin keine gelernte Schauspielerin, ich habe kein Interesse am Schauspiel, ich weiß gar nichts übers Schauspiel. Warum nicht jemanden spielen, der 160 ist oder ein Mann oder ein Esel oder was auch immer? Denn wir dürfen das, es geht hier ja gar nicht um Realität, es geht nur um Fantasie. Sogar das, was echt aussieht, ist doch nur Schall und Rauch. Da ist für mich kein Unterschied zu meinen Kindern, als sie klein waren und sich als alter Mann verkleidet haben oder als Katze.

Sie machen vor allem unabhängige Filme in der ganzen Welt mit internationalen RegisseurInnen, aber Sie sind auch großen Studioproduktionen nicht abgeneigt. Was müssen die haben, dass Sie interessiert sind?

Ich bin ein großer Kinofan, eine wandelnde Enzyklopädie, wenn man das sagen kann, und ich liebe es, andere Leute zu treffen, die auch so sind. Als ich ein Kind war, sah ich die großen Filme wie „Herbie“ oder „Bambi“ oder „Mary Poppins“. Das waren alles große Studiofilme. Erst als ich älter wurde, stieß ich auf Tarkovsky und Derek Jarman und diese Art von Filmemachern. Aber ich bin nach wie vor fasziniert von Studiofilmen, und ich glaube nicht, dass Sie einen Kinofan finden würden, der das nicht ist. Das ist wie eine Las-Vegas-Show, wo man komplett gebannt ist von einem David Copperfield und sich fragt, wie er das macht. Und da können Studiobosse noch so oft behaupten, dass es bei ihren Filmen einen Konsens gibt, dass sie alles planen und genau wissen, wie der Film nachher aussieht, aber das ist eine Lüge, denn Film ist das symbiotische Zusammentreffen von Kreativen, die sich offenlassen, von ihren eigenen Ideen überrascht zu werden. Und ich habe immer nur Sudiofilme mit Experimentalisten gemacht, Leuten, die mit Ideen spielen. Das war zum Beispiel der Fall mit Francis Lawrence, mit dem ich „Constantine“ gemacht habe. Das galt damals als Experiment. Und so gesehen gibt es keinen Unterschied zu Derek Jarmans Pet-Shop-Boys-Video, die ich in den 1980ern gemacht habe.

Haben Sie jemals finanzielle Diskriminierung erlebt?

Nein, und das, obwohl ich die ersten acht, neun Jahre meiner Karriere gratis gearbeitet habe. Aber das haben wir alle. Wir waren eine Gruppe von Künstlern, die einfach Projekte machen wollten. Aber natürlich betrachte ich finanzielle Gleichberechtigung als Eckstein unserer Bürgerrechte – auf allen Ebenen und in allen Berufen.

Was ist die große Veränderung im Filmbusiness?

Anpassung. Wir müssen uns alle an die Umstände anpassen. Das gilt für das Kino, aber auch für unser Leben. Das Schöne ist, dass Film nicht verschwinden wird, Festivals haben während des Zweiten Weltkriegs nicht stattgefunden, und sie haben 2020 nicht stattgefunden, aber Kino kommt immer wieder zurück, da sind die Wurzeln zu tief und stark. Es war eine große Erleichterung für uns alle, dass wir heuer wieder zusammenkommen konnten.

Es gab immer Regisseurinnen. Glauben Sie, dass das die Diskussion zur Gleichberechtigung im Film eine politisch korrekte Modeerscheinung ist, oder wird eine Veränderung tatsächlich auf lange Sicht passieren?

Ich gebe mich nicht der Angst hin, dass es nur eine Modeerscheinung ist. Wie Sie sagen, hat es immer viele Frauen hinter der Kamera, viele Regisseurinnen, Drehbuchautorinnen und Produzentinnen gegeben, von Anbeginn des Kinos. Und zwar weltweit. Es existiert zurzeit diese Narrativ, dass es sie nicht gab, und ich finde, wir müssen uns die Geschichte des Films sehr genau anschauen. Wir kämpfen nicht für etwas Neues, wir kämpfen um etwas, das jetzt deutlicher geworden ist. Natürlich müssen wir dieses Thema immer wieder beleuchten und hervorheben, aber mit dem Wissen und der Autorität, dass Frauen immer Filme gemacht haben und es auch weiter tun werden.

Wenn Sie Ihre Arbeit, oder das Vergnügen, wie Sie es nennen, beschreiben müssten, was würden Sie sagen?

Dass es eine Freude, eine Ehre und ein Privileg ist.

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