Christoph Thun Hohenstein

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MAK
08/26/2013

"Alles wird auf den Kopf gestellt"

Direktor Thun-Hohenstein über die Herausforderungen der digitalen Revolution für die Museen.

von Georg Leyrer

Wien um 1900: Die Wiener Werkstätte, Jugendstil, Freud, Schnitzler, Schiele, Klimt. Eine Ausnahmezeit und Hochblüte in Kunst und Kultur, für die die Stadt bis heute weltberühmt ist.

Was diesen Boom der Wiener Moderne ermöglicht hat – die Vielfalt der Kulturen, der Niedergang der bisherigen Ordnung, die Industrialisierung –, darüber wurde schon viel sinniert. Auch darüber, wie man an diese große, ästhetisch revolutionäre Zeit anknüpfen könnte.

Die Chancen könnten jetzt so gut stehen wie schon lange nicht mehr. Denn es ist eine digitale Revolution im Gange, die „das Leben in vielerlei Hinsicht neu definiert“, wie der Direktor des Wiener Museums für Angewandte Kunst (MAK), Christoph Thun-Hohenstein, im KURIER-Gespräch betont. „Alles wird auf den Kopf gestellt. Wir leben in einer neuen Moderne. So, wie es vor 100 Jahren die Industrialisierung war, wird die neue Moderne durch das Digitale als Katalysator grundsätzlich neu bestimmt.“

Neueröffnung

Daraus erwachsen in Kunst, Design, Kreativwirtschaft ganz neue Möglichkeiten – und neue Herausforderungen für die Museen. Junge Menschen heute „gehen anders mit Wissensinhalten um. Es geht weniger ums Auswendiglernen, sondern darum, sich interessante Inhalte zu holen, wo immer man sie finden kann.“ Daher seien die Museen gefordert, Wissensinhalte so aufzubereiten, dass sie die Sprache dieser jungen Menschen sprechen.

So plant der MAK-Direktor, das gesamte Untergeschoß des Museums – die jetzige Studiensammlung – neu zu gestalten. Im Mai 2014, zum 150. Geburtstag des MAK, soll diese als „Design Lern Labor im umfassenden Sinn“ neu eröffnen. Für diese Neustrukturierung holt man sich das Wiener Designteam EOOS.

„Es ist für ein Museum nicht mehr der klügste Weg, Objekte einfach chronologisch zu ordnen“, sagt Thun-Hohenstein. Denn „wir haben neue, unglaubliche Möglichkeiten.“ So würden Apps für Smartphones und Tabletcomputer entwickelt, die „spielerisch seriöse Inhalte vermitteln“. Thun-Hohenstein: „Wovon ich nichts halte, sind dumme Spielereien. Die Herausforderung besteht darin, ernst zu nehmende Lernprogramme zu entwerfen, die zugleich Spaß machen – und die während des Ausstellungsbesuchs ebenso gut benützbar sind wie davon losgelöst. “

Mit der Auseinandersetzung mit den Möglichkeiten der digitalen Moderne will Thun-Hohenstein an den ursprünglichen Gründungsgedanken des MAK anknüpfen. Damals galt es, „im Kunstgewerbe konkurrenzfähig zu werden, insbesondere gegen England und Frankreich“. Das Museum wurde „als geschmacksbildende Institution“ gegründet, um den Wienern zu zeigen, wie der letzte Stand im Kunstgewerbe ist.

„Wir haben bei der Wiener Moderne im Design eher auf das Handwerk gesetzt als auf Industrieprodukte. Aber durch die Bündelung der Wissensgebiete ist in Wien sehr Interessantes passiert.“ Das könnte heute wieder so sein, obwohl „Österreich in der Nutzung des Potenzials der Digitalen Moderne noch ein bisschen nachhinkt“.

Revolution

Museen müssten künftig vermehrt darauf Augenmerk legen, Orientierung zu geben. So finde auch in der Produktion derzeit eine Revolution statt: Durch die 3-D-Drucker, die Gegenstände nach digitalem Bauplan ausdrucken können, kann man nun Einzelobjekte zu jenen niedrigen Kosten herstellen, die früher nur durch Serienproduktion erzielt werden konnten. Es ist nicht mehr nötig, in Billiglohnländern zu produzieren, um die Preise niedrig zu halten.

„Man muss die Frage erörtern, was das für die angewandte Kunst bedeutet“, sagt Thun-Hohenstein.

Und auch Gefahren der digitalen Revolution müsse man aufzeigen: Eine davon sei „eine Verengung des Horizonts: Suchmaschinen liefern personalisierte Ergebnisse. Was außerhalb meiner Kerninteressen ist, wird nicht mehr wahrgenommen.“ Ein Museum „muss inhaltliche Verknüpfungen anbieten, mit einem Wort: Horizonterweiterung betreiben.“

150 Jahre MAK

Gründung: Das Museum für Angewandte Kunst (MAK) feiert 2014 sein 150-jähriges Bestehen. 1864 wurde der Vorläufer, das k.k. Österreichische Museum für Kunst und Industrie, gegründet. 1871 wurde für das zunächst im Ballhaus der Hofburg untergebrachte Museum ein von Heinrich von Ferstel errichteter Neubau am Stubenring eröffnet – der erste Museumsbau an der Ringstraße. Die Sammlungen umfassen u. a. Textilien, Design und Möbel, Metall und Glas, Wiener Werkstätte und Kunst aus Ostasien. Seit 2011 ist Christoph Thun-Hohenstein Direktor.

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