Thomas Bernhard: Auf dem Weg zu "Frost"

AUSSTELLUNG "THOMAS BERNHARD UND DAS THEATER" IM Ö
Foto: APA/IMAGNO/Harry Weber Thomas Bernhard.

50 Jahre "Frost", ein Roman von Thomas Bernhard, gegen den ein ganzer Ort protestierte.

Jener Thomas Bernhard, der in Erinnerung bleibt (also durchaus schimpfend), hatte seine Geburtsstunde im Mai 1963 – mit „Frost“. Zwar erschien der Roman nur in einer Auflage von 2000 Stück, aber er erregte Aufsehen. Auch im oberösterreichischen Ort Weng, wo Bernhards Figur, der Maler Strauch, nur Kretins und Todgeweihte zu erkennen glaubte. Die Gemeinde hat wegen Verleumdung im Ministerium protestiert, als es dafür auch noch den Österreichischen Staatspreis für Literatur gegeben hat.
(Der Geehrte wurde damals übrigens irrtümlich als „Frau Bernhard“ bezeichnet. In der Dankesrede nannte er anschließend die Österreicher „erbärmlich“ – der Unterrichtsminister lief wütend aus dem Saal.)

cover… Foto: Cover Zum 50er von „Frost“ hat der Suhrkamp etwas für Spezialisten: zwei Fragmente bzw. Vorarbeiten. Wobei „Argumente eines Winterspaziergängers“ ganz kurz vor der Letztfassung entstanden sein muss und schon den radikalen neuen Ton gehabt hat – einerseits mit dem ständig wiederholten „Müssen Sie wissen, müssen Sie wissen“, andererseits mit Freundlichkeiten wie: „... unser Staat ist eine kleinbürgerliche Unzucht ...“ Gedanken, die in „Frost“ fast wortident vorkommen.

Leichtlebig

Der zweite Text im Buch aber verblüfft. Er heißt „Leichtlebig“ und dürfte schon Anfang 1962 geschrieben worden sein. Er verblüfft, weil sich Thomas Bernhard damals auf seinen Weg in Richtung „Frost“ freundlich und unaufgeregt gemacht hat. Er fand sogar nette Worte für Attnang-Puchheim. Dort arbeitet der Eisenbahner namens Leichtlebig, und auf Kur geht er mit einem pensionierten Doktor (der eine „Kopfkrankheit“ hat und reden will) spazieren. Das ist nicht gerade faszinierend, aber wenn man weiß, dass es von Bernhard ist, no, dann liest man es gern.

Was zum Bruch, zur neuen, revolutionären Orientierung des Schriftstellers geführt hat, bleibt ein Rätsel.

(KURIER) Erstellt am
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