Den Exzessen folgt die Depression: Joachim Meyerhoff  in „Die Welt im Rücken“  nach Thomas Melle

© APA/ROBERT JAEGER

Kultur
03/10/2017

"Theater ist größer als die Wirklichkeit"

Regisseur Jan Bosse über Joachim Meyerhoff und die Dramatisierung von Thomas Melles Buch "Die Welt im Rücken".

von Thomas Trenkler

Thomas Melle, 1975 in Bonn geboren, ist seit seinem zweiten Roman "Sickster" (2011) quasi Fixstarter für den Deutschen Buchpreis. "3000 Euro" (2014) schaffte es auf die Shortlist – wie auch zuletzt "Die Welt im Rücken". In diesem im August 2016 veröffentlichten Buch berichtet Melle sprachlich brillant über seine bipolare Störung, seine euphorischen Höhenflüge wie auch seine destruktiven Abstürze.

Am Samstag (11. März 2017) gelangt die Dramatisierung des Buchs im Akademietheater zur Uraufführung – mit Joachim Meyerhoff als "Ich". Regie führt Jan Bosse, 1969 in Stuttgart geboren. Er inszenierte am Burgtheater "Wer hat Angst vor Virginia Woolf?"(2008), "Othello" (2010), "Der Ignorant und der Wahnsinnige" sowie "Robinson Crusoe" nach Daniel Defoe (2012) und "Dantons Tod" (2014) – immer mit Meyerhoff.

KURIER: Sie haben bereits acht Projekte mit Joachim Meyerhoff realisiert. Ist er so etwas wie Ihr Lieblingsschauspieler?

Jan Bosse: Ja, man hat Lieblingsschauspieler, das muss ich zugeben, und Meyerhoff gehört definitiv dazu. Kennengelernt haben wir uns 2004 bei "Warten auf Godot" in Hamburg am Schauspielhaus. Das war eine schnelle, wilde Arbeit. Schon damals hat sich gezeigt, dass wir ein sehr gutes Team bilden. Und gleich danach folgte dort der "Faust". Meyerhoff spielte den Mephisto.

Inwiefern ein gutes Team?

Meyerhoff kann auch anders, aber er liebt es, bei Inszenierungen mitzureden. Viele Regisseure hassen es, wenn jemand dauernd dreinredet. Da sind sie sehr empfindlich. Ich jedoch nicht. Ich mag die Konfrontation, das gemeinsame Entwickeln von Ideen.

Das gilt auch für die Dramatisierung von Melles Buch "Die Welt im Rücken"?

Meyerhoff ist ein hervorragender Autor. Er schreibt besser als Dramaturgin Gabriella Bußacker und ich zusammen. Wenn also jemand bei einer Textmontage wirklich helfen kann, dann ist es Meyerhoff. Sein Talent muss man ja geradezu nutzen! Er hatte in seiner Kindheit eindeutig ein Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom, auch wenn es damals nicht als ein solches diagnostiziert wurde. Und er hat es noch immer. Er ist der klassische Zappelphilipp mit einem Überschuss an Fantasie und Ideen. Das ist in der Schule mitunter ein Nachteil, aber am Theater ist Meyerhoff eine Goldgrube.

Warum beschäftigen Sie sich mit diesem Buch, in dem Melle sehr dokumentarisch über seine bipolare Störung berichtet – und nicht etwa mit dessen Roman "3000 Euro", der eine unglaubliche Sogwirkung hat?

Natürlich könnten wir auch "3000 Euro" machen. Aber "Die Welt im Rücken" war im letzten Sommer heißer Stoff. Joachim und ich haben das Buch unabhängig voneinander gelesen und uns gegenseitig über WhatsApp unsere Begeisterung mitgeteilt. Was uns naheging, war eben dieser autobiografische Bericht: Melle erzählt über die Bipolarität nicht über sogenannte Doppelgängerfiguren – wie in "3000 Euro" –, sondern als "Ich". Trotzdem hat das Buch Allgemeingültigkeit. Im Versuch der Rekonstruktion der manischen Phasen wie auch in der Beschreibung der Depression finde ich das Buch literarisch wirklich groß. Und berührend. Irgendwann schrieb Meyerhoff: "Ach, wenn man das für die Bühne machen könnte! Das wäre ein Coup!" Und dann nahm ich Kontakt mit dem Rowohlt Verlag auf.

Melle ist auch Dramatiker, er selbst hat "3000 Euro" zu einem Stück umgearbeitet. Stimmte er Ihrem Projekt gleich zu?

Beim Verlag glaubte man nicht, dass er die Rechte herausgeben werde. Eben weil es ein sehr persönliches Buch ist. Aber Melle antwortete, er könnte sich die Dramatisierung in der Konstellation Meyerhoff-Bosse vorstellen. Eine große Ehre. Erst dann haben wir Karin Bergmann angerufen. Ich sagte so pathetische Sätze wie: "Manchmal muss Theater schnell reagieren!" Denn eigentlich war die Umsetzung des Flaubert-Romans "Bouvard und Pécuchet" vorgesehen.

Und wie reagierte die Burgtheaterdirektorin?

Toll. Sie sagte: "Lass mich kurz darüber nachdenken" – und dann gab sie ihr Okay.

Das Buch hat gut 350 Seiten. Wie geht man da vor?

Melle referiert in langen Passagen über Bipolarität. Das sind natürlich nicht die Stellen, auf die wir uns stürzen. Wir machen aus dem Buch richtig Theater. Und Theater bedeutet Abstand. Und Aneignung. Es ist eine Figur, die da auf der Bühne spricht und "Ich" sagt. Und wir mussten wahnsinnige Verkürzungen machen, uns für bestimmte Themen entscheiden. Durch diesen Abstand entsteht eine archaische Geschichte – anhand einer persönlichen Biografie. Das Buch ist auch die Beschreibung einer manisch-depressiven Gesellschaft. Klarerweise ist immer Melle der Kranke. Aber wenn er in der Manie die Großstadt beschreibt, dann ist das die ungefilterte Wahrheit. Melle beschreibt ein wahnsinniges Berlin, das auch Wien oder Paris sein könnte. Und in der Depression beschreibt er eine Welt- wie Selbstfremdheit, die viele von uns gut kennen. Das versuchen wir herauszuarbeiten. Weil wir uns schon die Frage stellen, warum man sich als Publikum die Geschichte einer solchen Krankheit angucken soll. Wichtig als Hauptthema ist aber auch die Sprache.

Der Bericht ist ja auch unterhaltsam – etwa wenn der Ich-Erzähler mit Madonna schläft.

Melle hat trotz der Katastrophe Humor. Ich musste immer wieder lachen, mitfühlend lachen. Es scheint in der Manie euphorische Zustände und eine Intensität der Wahrnehmung zu geben, die man sich vielleicht sogar wünschen würde, wenn die Krankheit nicht so zerstörerisch wäre. Melle ist dem Suizid nur knapp entronnen. Aber der beschriebene Glückszustand ist schon großartig – falls man das so sagen darf.

Konnten Sie einen dramaturgischen Bogen herausarbeiten?

Ja. Wir beginnen mit der ersten Manie und der folgenden Depression. Danach hat das sprechende Ich das Gefühl, dass alles wieder gut ist: "Ich bin eben einmal ausgerastet." Das Schlimme ist die Wiederholung. Denn da ahnt man, dass es sich um eine Struktur, ein Muster handeln könnte. Die Wiederkehr und die Angst vor der Wiederkehr müssen daher im Theater spürbar werden. Die Idee des Suizids kommt auf: Tabletten sammeln, aber zu schwach dafür zu sein. Und dann gibt es noch einen Epilog über den labilen Zustand im Jetzt – mit den Medikamenten, die helfen, aber einen hohen Preis fordern.

Sie lieben die Überzeichnung. In „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“ zum Beispiel mussten Christiane von Poelnitz und Meyerhoff Unmengen Alkohol – also natürlich nur Wasser – in sich hineinschütten.
Ich mag es, wenn das Theater größer ist als die Wirklichkeit. Denn dann kann sich Wirklichkeit darin widerspiegeln, sich wiedererkennen oder davon abstoßen. Ich finde mein Leben nicht so aufregend, dass ich es 1:1 auf der Bühne sehen will. Mir macht die Zuspitzung mehr Spaß. Aber es darf nicht zu künstlich sein. Denn dann verliert man mich als Zuschauer – auch wenn ich es bewundernswert finde, wenn ein Regisseur wie Herbert Fritsch einen eigenen Stil erfindet.

Melles Leben ist bereits eine extreme Zuspitzung. Soll man das noch toppen?
Das stimmt. Wir bleiben daher sehr am Text – und wir haben versucht, passende Bilder zu finden. Was gar nicht so leicht ist. Denn Depression bedeutet eigentlich das Ende der Bilder. Wir fangen mit einer leeren Bühne an – und dann baut Meyerhoff spielend etwas auf. Indem dieses „Ich“ seine Geschichte zusammenzupuzzlen versucht, entsteht allmählich ein Bühnenbild. Am Schluss ist es wirklich groß.

Sie wählen oft radikale Zugänge. Bei „Robinson Crusoe“ saß das Publikum auf der Bühne – und Meyerhoff baute sich aus der Saaleinrichtung, aus Sesseln und der Holzvertäfelung, seine Behausung.
Dass Matthias Hartmann, der damalige Direktor, das Projekt erlaubt hat: Das war fantastisch! Es wäre aber fast gescheitert. Denn auf der Bühne hatten nur etwa 500 Zuschauer Platz, wir mussten aber zumindest 1000 schaffen, um die Kosten nicht explodieren zu lassen. Dann fiel mir ein, dass man ja zweimal hintereinander spielen könnte. Und Joachim Meyerhoff hat das wirklich durchgezogen. Auch wenn es superanstrengend für ihn war.

Daniel Defoe, nun Thomas Melle und irgendwann Gustave Flaubert: Warum Dramatisierungen – und keine Dramen?
Als die Dramatisierungen in Mode kamen, war auch ich skeptisch. Aber dann inszenierte ich im Maxim-Gorki-Theater Goethes „Werther“. Und es machte total Spaß. Denn es gibt nicht nur das Agieren der Figuren, sondern auch die Reflexion über sich, den Anderen und die Situation. Der Schauspieler kann zwar eine unheimlich psychologische Ibsen-Figur spielen. Aber die großen Epiker wie Tolstoi liefern zu den Dialogen – etwa im Roman „Anna Karenina“ – komplexe Reflexionsebenen dazu. Und das hat mit unserer Wirklichkeit und dem überreflektierten modernen Menschen zu tun: Man sagt nicht nur, was man denkt, sondern spricht die kommentierenden Gedanken über sich selbst und über die Anderen auch aus. Aber ich mache nicht nur Dramatisierungen, jetzt folgen drei Stücke hintereinander, darunter „Arsen und Spitzenhäubchen“ in Stuttgart und „Hauptmann von Köpenick“ in Berlin.

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