Grandiose Singschauspieler: Johan Daszak, Marlis Petersen und Johan Reuter in Nikolaus Habjans „Salome“-Deutung an der Wien

© Werner Kmetitsch

Kultur
01/19/2020

Bejubelte "Salome", ärgerliche "Hamletmaschine": Die Kritiken

Drastisches, Glänzendes, Seltenes, Virtuoses und ein theatralischer Auffahrunfall – was am Wochenende an Kultur geboten wurde.

Der Jänner hat künstlerisch in Wien Einiges zu bieten: Mit Spannung erwartet wurde etwa die "Salome"-Aufführung am Theater an der Wien. Puppenmeister Nikolas Habjan lieferte eine gänzlich neue Sichtweise auf den Stoff. Ob das Wagnis mit zwei Klappmaulpuppen aufging, erfahren Sie in den KURIER-Kritiken ebenso wie eine Beurteilung des John-Williams-Auftritts im Musikverein.

Hier geht es zu den gesammelten Kritiken:

„Salome“: Packendes Musiktheater

Mit dieser Produktion ist dem Theater an der Wien wieder ein großer Wurf gelungen. Denn diese „Salome“ von Richard Strauss in der genialen, reduzierten Orchesterfassung von Eberhard Kloke bietet viel dessen, was zeitgenössisches, packendes Musiktheater ausmacht.

Da wäre  die Inszenierung von Nikolaus Habjan, der das Geschehen in einer nicht näher bestimmten, eher gegenwärtigen Zeit verortet, der mit (diesmal nur zwei) Klappmaulpuppen arbeitet und  im grau-gefährlichen Festungsbühnenbild (Julius Theodor Semmelmann) seinen Blick  auf die Innenwelt einer dysfunktionalen  Familie richtet.

Bei Habjan ist die Prinzessin Salome – ihr  ist eine Puppe zugeordnet – ganz das pubertierende, von fast allen begehrte Mädchen. Die Puppe dient dabei als Projektionsfläche für die Blicke der Außenwelt; Salome selbst steht in ewigem  Widerstreit mit sich selbst und diesem Abziehbild. Auch der Prophet Jochanaan ist per Puppe vertreten. Diese erhebt sich aus dem Kerker, der Interpret der Partie bleibt danach ständig auf der Bühne präsent – als grau gewandetes (Kostüme: Cedric Mpaka) Menetekel des  Untergangs.

Psychoanalyse

Das ist alles, auch in Sachen Personenführung, gut gelöst, viel Psychoanalyse schwingt da mit. Und Salomes berühmter Schleiertanz mutiert zu einem letztlich tödlich-orgiastischem Fanal. Auch wenn die Prinzessin hier nicht stirbt – kaputt sind nach diesem Psychokrieg alle Protagonisten. Ein sehr schöner Ansatz, für den es die Klappmaulpuppen jedoch gar nicht zwingend gebraucht hätte.

Denn an der Wien sind Singschauspieler von Weltformat am Werk. An der Spitze: Marlis Petersen als atemberaubende, bis zur Selbstentäußerung gehende, stimmlich wie darstellerisch überragende Salome. Eine  neue Paraderolle  für die große Sopranistin.

Großartig, vokal  profund und präsent agiert auch Johan Reuter als Prophet Jochanaan. John Daszak ist ein fabelhaft-getriebener Herodes, der in Michaela Schusters Herodias sein nicht minder starkes  Pendant findet. Ein Genuss  ist Martin Mitterrutzner als kultiviert singender Narraboth. Die kleineren Partien  sind solide besetzt. Am Pult des gut studierten ORF Radio-Symphonieorchesters Wien trägt Dirigent Leo Hussain die passende Dramatik bei.

Frenetischer Jubel, ein paar Buhs für Habjan.

Peter Jarolin

Famoser  Hollywoodglanz

Standing Ovations noch vor dem ersten Ton, Standing Ovations nach fast jedem einzelnen Stück,  Bravorufe, Gejohle, Getrampel und – erraten! - Standing Ovations nach fast drei Stunden Musik  und etlichen Zugaben.  Wenn ein Hollywoodstar und Ausnahmekomponist wie John Williams Wien und den Goldenen Saal des Musikvereins beehrt, dann sind wahre  Sternstunden angesagt.

Noch dazu, wenn der bald 88-jährige John Williams am Pult der Wiener Philharmoniker  steht und  wenn Stargeigerin Anne-Sophie Mutter gemeinsam mit dem grandiosen Orchester zahlreiche Meisterwerke von Williams perfekt zum Klingen bringt.

Vom „Flug nach Neverland“ aus dem Film „Hook“ über Auszüge aus „Begegnungen der dritten Art“, „Jurassic Park“, „Der weiße Hai“ bis zu „Sabrina“  und (fast naturgemäß)  „Star Wars“ – der mehrfach Oscar-gekrönte  und  zigfache Golden-Globe,-Emmy,- und Grammy-Preisträger Williams zieht am Pult der freudig aufspielenden Philharmoniker  alle Register und erweist sich zudem als  Entertainer.  Immer wieder greift Williams zum Mikro und erklärt etwa, dass man die Musik aus „E. T.“ ohne Ablenkung durch den Film genießen könne. Die Zusammenarbeit mit Steven Spielberg wiederum gleiche einer langjährigen Ehe, die auf

Respekt  beruhe, an eine Fortsetzung von „Star Wars“ habe er nach dem ersten Teil übrigens nie geglaubt. Große KunstDafür kann sich  das Wiener Publikum davon überzeugen, wie genial, auch wie fordernd die Musik des Komponisten ist. Geigerin Anne-Sophie Mutter etwa bietet bei den  für sie kreierten  Arrangements (als Bespiel sei  „Hedwigs Thema“ aus „Harry Potter“ angeführt) alles ihrer schier unglaublichen Virtuosität auf.   Und sie ist auch bei gleich vier der so vielen Zugaben ganz in ihrem Element,  agiert mit absoluter Hingabe. Ganz große Kunst also, die auf eine philharmonische Fortsetzung hoffen lässt.

Peter Jarolin

Zum Vergessen: „Hamletmaschine“

Nein, es wird nicht besser. Auch nach intensivem  Nachdenken bleibt „Die Hamletmaschine“ von Heiner Müller (oder was von ihr noch übrig ist) im Kasino des Burgtheaters ein einziges Ärgernis.

Der Grund: Wieder einmal (warum eigentlich?) darf sich der Möchtegern-Berufsprovokateur Oliver Frljic auch in Wien austoben.  Ja, Heiner Müllers gerade einmal neunseitiger Text  wird brav rezitiert und gebrüllt. Um das herum  bietet Frljic   alles auf, was diesen Regisseur „auszeichnet“.  Es gibt  fünf Darsteller (bedauernswert: Max Gindorff, Marcel Heuperman, Marta Kizyma, Annamaria Lang  und Branko Samarovski), die sich zwischen Selbsthilfegruppe und  Revolutionsparolen  an den „Ideen“ von Frljic abarbeiten müssen.  

Soll heißen: Da wird eine mit Krone bestückte Plastiksau in all ihren Eröffnungen penetriert, da fließt Kunstblut, da spielt eine Frau mit einer Schere   an ihrer offenen, blutenden Vagina herum, da werden Porträts von Sebastian  Kurz aufgefressen und einer der Darsteller muss sich ein Bildnis den Regisseurs in den Anus stecken. Dazu kommen Zitate von Putin, Orban und Le Pen, die Kaiserhymne, Gruppensex im Sarg und andere Plattheiten. Provokation ist ja so toll! Nein, ist sie längst nicht mehr!

Peter Jarolin

Händel kann auch anders

Nicht wenige Arien von Georg Friedrich Händel treiben Sänger zu Exzessen und das Publikum in Ekstase. Der Komponist der Extreme, der „Rockstar“ des Barock, war aber auch ein Meister kontemplativer, hochdramatischer Tonkunst. Das ließen der Brite Jonathan Cohen und sein Originalklangensemble Arcangelo zur Eröffnung des Festivals für alte Musik „Resonanzen“ mit „Theodora“ im Konzerthaus hören. Aus heutiger Sicht ist dieses Oratorium, das  ohne reißerische Koloratur-Arien auskommt, höchst modern. Es geht um religiösen Fundamentalismus, Macht und Zwang zur Prostitution.

Theodora, eine Christin zur Zeit Kaiser Diokletians, weigert sich, den römischen Göttern Opfer zu bringen. Zur Strafe soll sie ins Bordell. Der Römer Didymus will sie befreien, scheitert aber. Gemeinsam erwarten sie die Hinrichtung. Cohen, der sein Ensemble vom Cembalo aus exzellent leitete, lotete die fein ziselierten Partitur präzise aus. Musiziert wurde brillant, herrlich der Klang der Naturhörner. Louise Alder erfüllte die Titelrolle mit Perfektion. Sie zeigte eine ihren Prinzipien verpflichtete Frau. Ihr wohlklingender Sopran harmonierte mit Countertenor Tim Meads.  Jubel!

Susanne Zobl

Französische Romantik pur

Wie Passion und schiere Lebensfreude zur Musik werden können, ließen Yuja Wang und Gautier Capuçon im Wiener Konzerthaus erleben. Die chinesische Pianistin und der französische Cellist fanden sich bei Werken von César Franck und Frédéric Chopin in ihrer Virtuosität vereint. Die brauchten sie auch im großen Saal. Ein intimerer Rahmen hätte ihrem Vortrag von der Bearbeitung für Violoncello von Jules Delsart sicher nicht geschadet. In manchen Momenten war es, als hätte jeder für sich allein musizieren müssen, um sich Gehör zu verschaffen.

In den Passagen, in denen sie ganz zueinanderfanden, generierten sie jedoch eine packende Magie –  französische Romantik pur.  In den schnellen Sätzen brillierte Wang mit ihrem makellosen Anschlag, verzichtete auf Exzesse und passte sich mit einem wohldosierten Piano dem Klang des Cellos an. Pure Lebensfreude zelebrierten sie bei Chopins „Introduction et Polonaise brillante“. Dessen Cello-Sonate in g-Moll, op. 65, ließen sie in Harmonie folgen. Capuçon – ein Meister der Kantabilität – und Wang, eine fulminante Technikerin, die das Klangfarbenspiel perfekt beherrscht – machten Emotionen hörbar.
Stehende Ovationen.

Susanne Zobl

eine Newsletter Anmeldung Platzhalter.

Wir würden hier gerne eine Newsletter Anmeldung zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diesen anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Um diesen Artikel lesen zu können, würden wir Ihnen gerne die Anmeldung für unser Plus Abo zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diese anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.