Das neue "Switch House" an der Seite der Tate Modern in London

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Tate Modern
06/24/2016

Tate Modern: Ein Museum, ganz neu gedacht

Im spektakulären Zubau gibt es vergleichsweise wenig Kunst, aber viel Vernetzung.

von Michael Huber

"Es ist kaum Kunst in dem neuen Teil", hat ein Besucher etwas enttäuscht auf eines jener Feedback-Formulare geschrieben, die in der Londoner Tate Modern aufliegen.

Tatsächlich sind nur vier der des insgesamt elf Stockwerke des neuen,um 260 Millionen britische Pfund errichteten Zubaus, den das Schweizer Architektenduo Herzog & de Meuron für das meistbesuchte Museum der Welt geplant hat, der Präsentation von Kunstwerken im engeren Sinn gewidmet.

Doch der Kunstbegriff hier folgt nicht dem Prinzip von Bildern an der Wand, er bezieht die Besucher als "Akteure" ein. Die neue Tate Modern ist die bisher radikalste Umsetzung der Maxime, dass Museen heute nicht für Dinge, sondern für Menschen gemacht sind.

Und sie ist der Archetyp eines Museums, in der sich nicht nur eine westliche Kunst-Elite, sondern eine Weltgesellschaft wiedererkennen kann.

Mitwirkung gefragt

Bereits beim Eingang in das neue sogenannte "Switch House" durch die große Turbinenhalle ist Partizipation angesagt: In einer Installation der Künstlerin Dominique Gonzalez-Foerster springen Scheinwerfer auf Bewegungsmelder hin an, in einer Film-Installation des Thailänders Apichatpong Weerasethakul lässt sich auf roten Polstern herumfläzen.

Zahlreiche Schulklassen und Gruppen von Eltern mit Kinderwägen durchstreifen beim KURIER-Besuch das Haus, der Eintritt ist – bis auf Sonderausstellungen – frei.

Die neuen Ausstellungsflächen dienen der Demonstration einer seit Jahren verfolgten Sammlungs-Strategie, erklärt die Tate-Kuratorin Tanya Barson im KURIER-Gespräch. "Seit der Eröffnung des Museums im Jahr 2000 war klar, dass sich der Anspruch, eine globale Institution zu sein, in der Sammlung niederschlagen musste", sagt sie.

Als thematische Klammern nutzt man im "Switch House" nun die Themenfelder "Zwischen Objekt und Architektur", "Lebende Städte" und "Performer und Teilnehmer" . In den luftigen, mit hellem Holzboden ausgelegten Sälen werden dabei schöne, kulturübergreifende Brücken sichtbar: Die "leeren Blätter", die der Chinese Liu Jianhua täuschend echt aus Porzellan nachbildete, verstehen sich etwa hervorragend mit den Werken des US-Minimalisten Donald Judd oder den Abgüssen der Britin Rachel Whiteread.

Papageien in Sicherheit

In der Performance-Sektion ist die Strandlandschaft "Tropicalia" des Brasilianers Hélio Oiticica nachgebaut, mitsamt Hütten, Sandboden und Papageienkäfig – die Papageien selbst wurden in der Eröffnungswoche "wegen zu großen Publikumsandrangs" in Sicherheit gebracht.

Mit der Konservierung von "lebender" Kunst tut sich selbst die neue Tate oft schwer, vieles – etwa die Performance-Requisiten einer Marina Abramovic oder die Ringskulpturen der Rumänin Ana Lupes, die zwischen 1964 und 2008 ständig neu aus Stroh gefertigt wurden – muss Relikt bleiben. Das dichte Performance- und Event-Programm des Museums kommt dem Wunsch nach einem Maximum an Live-Kunst jedoch entgegen, ebenso wie die großzügigen Räumlichkeiten, die dafür vorgesehen sind.

Nicht zu übersehen ist, dass das Konzept des Tate-Direktors Nicholas Serota, der sein Museum ein "Commonwealth der Ideen" nennt, auch von der Wirtschaft mitgetragen wird: Der Performance-Saal im Untergeschoß trägt den Stempel von BMW, zahlreiche Säle oder eine spektakuläre Brücke hin zum "alten" Teil der Tate Modern tragen die Namen privater Geldgeber.

Von den Financiers der vielen Ankaufs-Komitees zu sprechen, die eigens für Kunst aus Asien, Russland, Südamerika etc. eingerichtet wurden, würde hier zu weit führen.

Knotenpunkt

Das globale Museum, das die Tate Modern repräsentiert, ist also selbstverständlich auch ein Spiegel einer global vernetzten Wirtschaft mit London als bedeutendem Knotenpunkt. So undurchsichtig diese Welt im Detail sein mag, so offen und zugänglich präsentiert sie in diesem Haus: Die Teilhabe an Kultur für Menschen verschiedener Herkunft stellt für Institutionen überall eine zentrale Herausforderung dar. In der neuen Tate Modern wird sie exemplarisch vorgelebt.

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