Kultur
26.01.2018

T.C. Boyle: Alles wird zu einer Geschichte

"Good Home": 20 Erzählungen ohne Faden.

Kein Jänner ohne neues Buch von T.C. Boyle, und deshalb steht man mit ihm jetzt auf der Straße in einer Schlammlawine, wobei zu erfahren ist, dass der Schlamm die Konsistenz von Palatschinken hat.

Danach ein Abstecher auf die Wiesen bei Tschernobyl, wo Kühe Strontium-90 wiederkäuen ... und hinein in ein Blumenbeet mit Kapuzinerkresse, die Schnecken zerquetschen.

Geklonte afghanische Windhunde kommen ebenfalls vor sowie eine Frau, die sich vom Schönheitschirurgen Botox ins Gesicht spritzen lässt, aber die sich trotzdem unbedingt vor ihm ausziehen will... den roten Faden muss niemand auf dem Klappentext zu konstruieren versuchen, es gibt keinen – nur diese Erkenntnis gibt es:

Es ist schwer vorstellbar, dass der Amerikaner irgendetwas erlebt oder von irgendwem hört oder irgendwo darüber liest – und es NICHT für eine Geschichte verwendet.

Hektik

T. C. Boyle hat bisher an die 100 Erzählungen geschrieben, die meist zuerst in Zeitschriften veröffentlicht werden. Das sind 1600 Seiten, zusätzlich zu seinen 14 Romanen.

"Good Home" nimmt sich aus der 950 Seiten dicken US-Sammlung "Stories II" (2013) 20 Texte heraus, die im vergangenen Jahrzehnt entstanden sind.

Viel wird geboten, vieles ereignet sich, das man wohl meist selbst nicht erlebt. Da hat der mittlerweile 69-Jährige mehr gelernt von John Irving als vom sparsamen Raymond Carver.

Boyle nimmt sich sogar manchmal die Zeit, den handelnden Personen etwas Charakter mitzugeben.

Und wenn er sich mehr Zeit nehmen würde? Wären die Geschichten keine Boyle-Geschichten, denen man die innere Hektik anmerken soll.

Tiefer Riss

Mit "Good Home" demonstriert er wieder, was er immer sagt: Literatur kann in vieler Hinsicht großartig sein, aber sie ist trotzdem immer nur Unterhaltung.

Bei Boyle ist es selten schlechte Unterhaltung. Er hat die Ironie und das Werkzeug, um sie zu verteilen; und er freut sich, wenn ihm eine Geschichte gelingt, in der die Natur stärker ist. Dann lacht er, und das klingt sympathischer als jener Typ im neuen Buch, der – Zitat – Worte aus einem tiefen Riss in seinem Verdauungstrakt heraufholt.

Eine Formulierung, bei der man ab jetzt darauf achten wird, auf wen sie sonst noch zutrifft.

T. Coraghessan
Boyle:
„Good Home“
Übersetzt von Anette Grube und Dirk van Gunsteren.
Hanser Verlag.
429 Seiten.
23,70 Euro.
Erscheint am Montag.
KURIER-Wertung: ****