© KURIER/Jeff Mangione

Kultur
07/12/2022

"Südbahnbühne Semmering": Ein Lost Place wird zum Kulturort

Neustart am Semmering. Mit dem neuen Eigentümer des Südbahnhotels Christian Zeller soll der legendäre Fin-de-Siècle-Bau ab dem kommenden Wochenende ganzjährig kulturell bespielt werden.

von Werner Rosenberger

Ein behutsames Facelifting, ohne an der Patina zu kratzen, erhielt das Südbahnhotel am Semmering in den letzten Wochen, ehe der geschichtsträchtige Ort ab Samstag wieder mit einem Kulturprogramm bespielt wird. Die Maler sind mit dem Anstrich im großen, das Flair des Fin de Siècle ausstrahlenden Speisesaal schon fertig, die Installateure mit der originalgetreuen Sanierung der historischen Toilettenanlagen sind es noch nicht.

„Aber das Denkmalamt ist höchst zufrieden“, freut sich der kaufmännische Leiter Stefan Wollmann im KURIER-Gespräch. Die Terrassen sind noch Baustelle, den Waldhofsaal bedeckt noch eine dicke Staubschicht. Aber irgendwo tätowiert ein Musiker die Stille mit sonoren Saxofontönen.

Und im grünen Salon ist für den Fotografen ein Tischlein deck dich mit Geschirr und Besteck von anno dazumal arrangiert. Wie’s eben war seinerzeit im nach der Erschließung des Semmering durch die Eisenbahn 1882 eröffneten Palasthotel am „Zauberberg“ vor der Haustür Wiens. Ein „Ballett der Blicke“ nannte Heimito von Doderer die Fahrt mit der höchsten Gebirgsbahn Europas.

So wie die Südbahnstrecke über den Semmering die erste Bergbahn im alten Österreich war, so war das vom Architekten Wilhelm von Flattich entworfene Südbahnhotel das erste Berghotel der Monarchie. Seine Errichtung bedeutete die Grundsteinlegung für den ganzen Kurort.

Die seit der endgültigen Schließung des Betriebes in den 1970er-Jahren als Lost Place vor sich hin gammelnden Überreste des Prachtbaus sind zugleich Symbol einer modernen und künstlerisch inspirierenden Epoche. In seiner Novelle „Brennendes Geheimnis“, einer kleinen und feinen Erzählung über das Erwachsenwerden und die menschlichen Leidenschaften, hat Stefan Zweig die rasch wechselnden Liebschaften der Menschen im Hotel beschrieben. Eine Szene aus dem einem „Marstheater“ zugedachte Drama „Die letzten Tage der Menschheit“ von Karl Kraus hat die Terrasse des Grandhotels als Schauplatz. Und schließlich war der Semmering auch Sehnsuchtsort des notorischen Stubenhockers Peter Altenberg.

Inspirierend

Arthur Schnitzler, Hugo von Hofmansthal, Gustav Mahler, Stefan Zweig, Sigmund Freud, Alma Mahler-Werfel ... Alle waren sie da – am Tummelplatz mondäner Gäste und hielten sich in den luxuriösen Räumen auf mit Logenblick in die dramatische Landschaft der Berge. Vor allem: Die Schönheit der Natur war so selbstverständlich, dass sie nicht weiter störte. Schnitzler, Adolf Loos oder Hermann Bahr waren deshalb so gern auf dem Semmering, weil sie dort in wohliger Behaglichkeit ihr gewohntes Leben weiterführen konnten. Mit Freunden und Bekannten plaudern wie im Kaffeehaus. So berichtet Schnitzler in seinen Tagebüchern von vielen Semmeringfahrten, aber kaum von Naturbeobachtungen, dafür von Treffen mit Schauspielern, Verhandlungen mit Verlegern, Billard mit Jakob Wassermann oder Poker mit Felix Salten. Für die Großstadtgesellschaft war der Semmering quasi Wien. Nur grüner.

Im Südbahnhotel spielt der erste Akt in Schnitzlers Drama „Der Weg ins Freie“. Auch den Portier Rosenstock in der Tragikomödie „Das weite Land“ gab es wirklich. Er hieß Karl Rosenbaum und nannte sich später aus nahe liegenden Gründen Karl Rostler. Schnitzler, Stammgast im Südbahnhotel, war zwischen 1909 und 1912 zwölf Mal auf dem Semmering und widmete Rosenbaum ein Exemplar der Erstausgabe von „Das weite Land“ mit den Worten: „Dem charmantesten, mir persönlichsten aller Portiere.“

Der berichtete 20 Jahre nach der Premiere des Stückes, „Das weite Land“ sei im Südbahnhotel entstanden. Er könnte „ohne Weiteres“ die Namen aller Figuren im Stück „aus unserem Fremdenbuch heraussuchen“, unterließ es aber als professionell diskreter Hotelportier.

Neuanfang

Seit dem Jahr 2000 wurde das Südbahnhotel immer wieder im Sommer mit Theaterproduktionen und Lesungen bespielt. Seither ist das alte Grand Hotel Kult. Jetzt hat der neue Eigentümer ehrgeizige Pläne: Christian Zeller will das ehemalige Grand Hotel als Kulturort mit ganzjährigem Programmangebot etablieren. „Südbahnbühne Semmering“ (ab 16. Juli) ist thematisch „auf Kultur, Natur Wiessenschaft und Kulinarik aufgebaut und verbindet viele Genres“, sagt die künstlerische Leiterin Ingrid Skovhus. Ihre Zielgruppe: „Menschen auf der Suche nach Lebensfreude.“

Der Veranstaltungsreigen bringt Musik von Klassik bis Jazz und szenische Produktionen, schwerpunktmäßig am Wochenende und in verschiedenen Kooperationen, u. a. mit der Sommerakademie der Uni für Musik und darstellende Kunst Wien, der Sommerakademie der Wiener Philharmoniker, der Volksoper, dem Burgtheater und der österreichischen Filmakademie.

Jubiläum

Zunächst gilt es heuer im Sommer „140 Jahre Südbahnhotel“ mit einem Stationentheater, „einmaligen Einblicken und wunderbaren Ausblicken“ zu feiern, u. a. mit Anita Eberwein, Philipp Hochmair, Robert Reinagl und Florian Teichtmeister; außerdem mit Guides Tours wie „Glanz vergangener Zeiten“, „Kunst & Poesie“ oder „Skandale und Sensationen am Semmering“.

Am 27. und 28. 8. gibt es ein kleines Mahler-Festival mit dem Gustav-Mahler-Festival Steinbach am Attersee, u. a. mit Bariton Bo Skovhus und Pianist Stefan Vladar. An die große Zeit des Hauses anschließen möchte man mit dem großen Sommerball am 9. 9. Und das neue Opernstudio der Wiener Volksoper ist ab 26. 10. für das Format „Operette auf Zimmer 12“ zu Gast. Bis 2025 plant Christian Zeller eine Komplettsanierung des Südbahnhotels „unter Wahrung der besonderen Aura dieses einzigartigen Hauses“.

Bis dahin soll das Hotel auch wieder ein Hotel mit rund 100 Zimmern und einem Spa-Bereich sein. Investitionssumme: rund 50 Millionen Euro.

Termine: Beim Eröffnungswochenende der „Südbahnhotel Kultur“ am 16. und 17. Juli zum 140-jährigen Bestehen des Baus  gibt es ein Stationentheater durch das Architekturjuwel
u. a. mit Philipp Hochmair und Angelika Niedetzky. Am 22. 7. gastiert das Monty Alexander Trio am Semmering  und läutet den in der  Programmierung angekündigten Jazz-Schwerpunkt ein. 

Karten – Budget – Info: Pro Jahr werden  26.000 Tickets um durchschnittlich 50 € aufgelegt. 20 Prozent des Gesamtbudgets  von 1,1  Mio. €  sollen von der öffentlichen Hand kommen, wobei es vom Land Niederösterreich schon eine fixe Zusage gibt. Mehr Infos finden Sie hier. 

Jederzeit und überall top-informiert

Uneingeschränkten Zugang zu allen digitalen Inhalten von KURIER sichern: Plus Inhalte, ePaper, Online-Magazine und mehr. Jetzt KURIER Digital-Abo testen.

Kommentare