Kultur
07.12.2011

Stiller - Von Max Frisch

Dieser Roman ist vieles: ein spannender Krimi, eine große Liebesgeschichte, eine Chronik der modernen europäischen Welt, das Ringen um Individualität und Identität.

Der Roman "Stiller" lässt sich auf unterschiedlichste Weise lesen: Als spannender Krimi, der stückchenweise das Rätsel um den verschollenen Schweizer Bildhauer Anatol Ludwig Stiller löst. Als große Liebesgeschichte, die das Leben jenes Stiller mit seiner Ehefrau Julika und der Geliebten Sibylle beschreibt. Als Chronik der modernen europäischen Welt von 1938 bis ins Frühjahr 1955 hinein. Und schließlich als großangelegtes Ringen um Individualität und Identität. "Ich bin nicht Stiller!" - dieser berühmte erste Satz des Romans legt dabei die Grundstimmung des Buches vor. In Rückblenden und Verhörprotokollen berichtet der Ich-Erzähler von seinem Leben: Er ist nicht der Bildhauer Stiller, nein, sondern der Amerikaner James Larkin White, der an der Schweizer Grenze zu Unrecht aufgehalten wird. Oder doch nicht?
White wird als Spion verdächtigt und in Untersuchungshaft genommen, Freunde und die Ehefrau mit dem angeblichen Amerikaner konfrontiert. Sie alle erkennen - Anatol Stiller. Großartig, wie Max Frisch über fast 400 Seiten hinweg teilhaben lässt an der langsamen Umwandlung des Ich-Erzählers. Denn dass es sich tatsächlich um den verschwundenen Bildhauer handelt, ist schon dem Titel des ersten Buchteils zu entnehmen: "Stillers Aufzeichnungen im Gefängnis". Die Zweifel an der Authentizität der eigenen Wahrnehmung, die Befürchtung, nur eine klischeehafte Reproduktion zu sein, und schließlich das Bemühen, sich jeder Klassifizierung (und damit jeder Berechenbarkeit) zu widersetzen, zieht sich wie ein roter Faden durch die Aufzeichnungen.

Der zweite, nur 50 Seiten umfassende Teil rundet den Roman mit einem "Nachwort des Staatsanwaltes" ab: Referiert werden die Jahre 1952 bis 1955, die Stiller - seine echte Identität akzeptierend - mit seiner Frau Julika verlebt. Dokumentiert wird damit erneut - ein weiteres Motiv des Romans - das Phänomen zunehmender Lieblosigkeit und, damit verbunden, das (erneute) Scheitern einer Ehe.

"Stiller" erschien 1954 und brachte für den Architekten Max Frisch den Durchbruch als Schriftsteller. Die nicht minder bekannten Romane "Homo faber" oder "Mein Name sei Gantenbein" folgten 1957 und 1964 - auch bei ihnen spielt die Identitätsfindung eine zentrale Rolle. Ebenfalls Erfolge feierten seine Theaterstücke, etwa "Biedermann und die Brandstifter" von 1958 oder das 1961 uraufgeführte Stück "Andorra". Frisch, 1911 in Zürich geboren, zwei Mal verheiratet, zwei Mal geschieden, lebte mehrere Jahre in Rom mit Ingeborg Bachmann zusammen, reiste 1975 mit Helmut Schmidt nach China und feierte in den USA in den 1980er-Jahren große Erfolge. Unmittelbar vor seinem 80. Geburtstag erlag er einem Krebsleiden. Er und Friedrich Dürrenmatt gelten als die wichtigsten Schweizer Autoren des 20. Jahrhunderts.

"Stiller" ist ganz und gar ein Buch der Fünfziger-Jahre: Erzählende Kraft, ein Hauch Pathos, Aufarbeitung des Zweiten Weltkriegs und die sich langsam verändernde Rolle der Frau bestimmen den Text. Über allem schwebt die eindringliche Suche nach sich selbst. Genau diese Auseinandersetzung mit dem eigenen Ich fasziniert auch heute noch - fast sechzig Jahre nach Entstehung des Buches. Max Frisch drang als einer der ersten modernen Autoren so tief in die Psyche seiner Protagonisten vor, dass ihr Schmerz in jeder Zeile spürbar wird. Auch heute lässt sich das Buch als Aufruf zur Suche nach eigener und selbst erfahrener Wahrheit lesen. Mit Stillers Worten gesagt: "Es ist schwer, nicht müde zu werden gegen die Welt, gegen ihre Mehrheit, gegen ihre Überlegenheit, die ich zugeben muss."