Kultur 01.03.2015

Stephen King hat den neuen Frankenstein

Stephen King wuchs in einer Methodisten-Gemeinschaft auf. Katholiken kommen in die Hölle, hieß es © Bild: AP/Francois Mori

Mit Roman Nr. 55 wird der alte Horror wiederbelebt.

Denkt Stephen King an "Revival", so freut er sich über eine der Hauptfiguren, einen jungen Mann, der Gitarre spielt, nicht gut, ähnlich mittelmäßig wie King selbst, und das erste Lied, das beide lernten, war "Cherry, Cherry" von Neil Diamond.

Sonst denkt er "lieber nicht" an den Roman, in dem es viel um Religion und religiösen "Bullshit" geht (und außerdem sein 55. Roman ist):

"Er ist zu Furcht einflößend. Ein fieses, ein düsteres Werk."

Grauen pur – anders als "Mr. Mercedes" im vorigen Jahr, als mit einem Auto gemordet wurde. Da war Stephen King zum Thriller-Autor mutiert.

"Revival" ist, wie der Titel (auch) sagt, die Wiederbelebung des guten, alten Horrors – den King schon als Kind erlebte, als er seinen ersten Film, Walt Disneys "Bambi", gesehen hat: die Rehe im brennenden Wald …

Vielleicht Ameisen?

Stephen King: 'Revival' Übersetzt von Bernhard Kleinschmidt. Heyne Verlag. 512 Seiten. 23,70 Euro.
© Bild: Heyne

Stephen King verbeugt sich in seinem Montag auf Deutsch erscheinenden Buch vor den Großen des Genres, vor allem vor Mary Shelley und ihrem " Frankenstein" (aber auch vor H. P. Lovecraft, denn hinter dem Tod lauert das Böse, es könnte aussehen wie Cthulhu – vielleicht Tintenfisch mit Flügel? Vielleicht Ameisenkreaturen?).

Ein Pastor steht im Mittelpunkt, Charles Jacobs. Sehr sympathisch. Sehr beliebt. Als bei einem Autounfall seine Familie stirbt, verliert er nicht nur den Glauben, sondern wird zum wahnsinnigen Wissenschaftler.

"Ich will wissen", ruft Jacobs, "was aus meiner Frau und meinem Sohn geworden ist. Ich will wissen, was das Universum für uns alle bereithält, wenn dieses Leben vorüber ist!"

In Stephen Kings "Revival" wird es hinter der aufgestoßenen Tür zum Tod aber leider kein Licht geben und keine Ruhe.

Nicht einmal den Tod wird es geben.

Weil aber der 67-jährige Amerikaner an Gott glaubt, "denn es macht vieles einfacher", wendet er sich selbst mit Schrecken von seinem jüngsten Horror ab ...

In den Himmel, hat er dem Rolling Stone Magazine verraten, möchte er allerdings nicht unbedingt kommen. Den findet er fad.

"Ich möchte nicht auf einer Wolke sitzen und den Harfen zuhören. Ich will Jerry Lee Lewis!"

Charles Jacobs experimentiert mit "geheimer Elektrizität". Der neue Frankenstein weiß zwar selbst nicht, wer sie ihm gewissermaßen schickt, aber Hauptsache ist, sie wirkt. Bevor er sich an Leichen zu schaffen macht, heilt er mit Blitzen auf Jahrmärkten Kranke. Er hat Erfolg. Allerdings ist nichts umsonst.

Deshalb bringen sich die Geheilten später um, schütten sich Salz in die Augen oder stechen sich zumindest mit dem Messer wild in den Arm und murmeln: Irgendetwas gehe hier vor. Stimmt.

Zitat: "Hoch über allem ging mit titanischem Reißen der Himmel entzwei. Ein riesiges schwarzes Bein, von Nestern aus stacheligem Fell bedeckt, schob sich hindurch. Das Bein endete in einer aus menschlichen Gesichtern bestehenden gewaltigen Klaue."

KURIER-Wertung:

( Kurier ) Erstellt am 01.03.2015