Kultur
26.10.2018

Steinhauer: „Ich bin ein Patriot – aber nur, was die Landschaft betrifft“

Der Kabarett-Pionier, Serienheld und Kammerschauspieler feiert lieber Tag der Fahne als Nationalfeiertag.

Der Mann ist ein rarer Paradefall für ein Paradoxon: Er ist Publikumsliebling und Querkopf zugleich. Seit 45 Jahren trägt der Kabarettist, TV-Serienheld („Polt“) und Kammerschauspieler Herz und Hirn auf der Zunge. Erwin Steinhauer (67), der ein „Sachbuch“ über die Psychen und Psycherln Österreichs verfasste, im Nationalfeiertags-Talk.

KURIER: Wie feiern Sie heute?

Erwin Steinhauer: Ich arbeite. Meine Band und ich treten in Burghausen (Bayern) auf. „Die letzten Tage der Menschheit“ von Karl Kraus. Übrigens am 2., 3. und 4. November auch in der Josefstadt.

Sind Sie ein Patriot?

Ja, aber nur was die Landschaft betrifft. Für mich heißt es ja noch Tag der Fahne, weil ich das „National-“ im Nationalfeiertag so inbrünstig ab- lehne. Nationalismus ist das exakte Gegenteil zu dem, wofür der Grund- und der Gründungsgedanke des vereinten Europas stehen.

Haben die Kabarettisten heute gute oder schlechte Zeiten?

Na ja, die Konkurrenz von Seiten der Politik ist deutlich härter geworden ... Für unser neues Stück „Vatermord“ (mit seinem Sohn Matthias Stein, 38; ab Mitte November im Rabenhof) haben wir einen Vierzeiler aus den 1980ern ausgegraben. Er gilt mehr denn je: „Früher war das Kabarett oft scharf / doch heute gibt’s für Schärfe kein’ Bedarf / will einer Parodien ohne End’ seh’n / dann muss er nur in einer Tour ins Parlament geh’n.“ Wir brauchen keine Satire mehr zu schreiben, wir leben sie.

Was geben Sie für Ratschläge?

Ich gebe keine Ratschläge – das Volk muss selber draufkommen. Die Menschen dieses Landes haben endlich die Regierung, die sie verdienen. Irgendwann wird’s vielleicht manchen dämmern: „Hoppala, diese Politik richtet sich ja auch gegen uns!“ Aber, so befürchte ich, die meisten werden auch dann noch „Hurra“ schreien – „Wir fressen zwar nur mehr den Kitt aus’m Fenster, aber es geht anderen zum Glück noch schlechter!“ Der Nachteil der Demokratie ist, dass es keine Intelligenztests für Wahlberechtigte gibt. Ich meine, wer vor der Wahl nicht gewusst hat, dass die FPÖ eine offen rassistische Partei ist, dem ist nicht zu helfen. Und wer es wusste und sie wählte, der wollte es eben genau so. Warum wohl hat diese Regierung die einzige Zustimmung in Europa von Extremisten wie Salvini, Orbán und Le Pen?

Das klingt sehr deprimiert – sind Sie ganz ohne Hoffnung?

Die Lämmer müssen sich wehren, spätestens, wenn ihnen das Schlachtermesser an den Hals gesetzt wird. Grund- übel – ich darf aus dem Buch „Wir sind super!²“ (siehe unten) zitieren: „Wir leben in einer Zeit, in der Slogans wie ,Geiz ist geil!’, ,Wut tut gut!’ oder ,Hass is klass!’ Furore machen. Werden in so einer Atmosphäre ethisch agierende Menschen denn überhaupt noch als Vorbilder akzeptiert?“ Es ist ja schon so bezeichnend, dass „Gutmensch“ zu einem Schimpfwort verkommen ist. Die kalte Macht und das seelenlose Kapital werden angebetet, Empathie und Humanität gelten als Schwächen. Es gibt ja derzeit sogar eine satte Dreiviertel-Zustimmung des Volkes zu den Kürzungen der Familienbeihilfe und der Mindestsicherung. Was fehlt, ist die Erziehung zum Frieden, zum Miteinander, statt zum Ausgrenzen und zum ka- tegorischen Komparativ: Ich muss mehr haben als der andere. Ich. Ich. Ich. Das ist zugleich die einzig erkennbare Ideologie unseres Kanzlers – man wird einander vermutlich bald mit „Grüß Kurz!“ und „Kurz Gott!“ begegnen.

„Innenpolitik hat mir der Arzt verboten“, sagte mir jüngst ein Kollege von Ihnen. Unterschreiben Sie diesen Satz?

Ich würde eher sagen: Innenpolitik is nix für Erwachsene. Aber der Unmut über die Umstände hält mich jung. Dieses Land g’fallt ma so gut, dass ich es gegen alle verteidige, die ihm in den Rücken fallen. Auch gegen Österreicher.