Michael Keaton und Mark Ruffalo in "Spotlight".

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"Spotlight": Die Presse lügt eben doch nicht
02/25/2016

"Spotlight": Die Presse lügt eben doch nicht

Tom McCarthy lässt einen Missbrauchsskandal in der Kirche von Investigativ-Journalisten aufdecken.

Es war im Jahr 2002, als eine Artikelserie im Boston Globe die katholische Kirche nicht nur in den USA erschütterte: Ein Team von Investigativ-Journalisten hatte einen der größten Missbrauchsskandale des Landes aufgedeckt, einen, der – wie sich herausstellte – auch international Sprengkraft besaß. Über mehrere Jahrzehnte hinweg hatten sich Priester an schutzbefohlenen Kindern in Schulen und Pfarreien vergangen, und alle hatten weggesehen. Die Opfer schwiegen aus Scham und Angst, die Täter fühlten sich sicher. Waren sie doch einflussreiche Mitglieder der Bostoner Gesellschaft.

Es brauchte einen Mann von außen, der sich traute, den mehr oder weniger ehrenwerten Männern der "feinen" Stadtgesellschaft auf die Füße zu treten: Er kam, und zwar in Gestalt des neuen Herausgebers des Boston Globe, Marty Baron.

Es ist ein Film, der für die vielen schwachsinnigen Stümpereien entschädigt, die man sich als Filmkritiker über die Jahre hinweg ansehen muss, den Regisseur Tom McCarthy hier abliefert: Unaufgeregtes, auf einem brillanten Drehbuch (von Josh Singer) basierendes Starkino und zugleich eine wunderbare Hommage an eine Art von Journalismus, die es heute aufgrund von ökonomischen Zwängen in der Medienbranche kaum noch gibt. Dass ein Team von Spitzenjournalisten für Monate freigestellt wird, um einen Fall zu recherchieren, scheint wie eine Erinnerung an eine vergangene Zeit.

Das "Spotlight"-Team, angeführt von Michael Keaton als Walter "Robby" Robinson leistet jedenfalls ganze Arbeit: Es arbeitet sich durch Aktenberge, spürt die Opfer auf und bringt sie mit viel Einfühlungsvermögen zum Reden. Zwingt Rechtsvertreter dazu, mit ihnen zu kooperieren. Nach und nach kristallisiert sich heraus, dass allein in Boston 80 Priester in Missbrauchsfälle verwickelt sind. Mit Rückendeckung von Baron decken Robinson, Rezendes & Co. nun schonungslos auf. Bis zum Rücktritt des Kardinals. Im Abspann des über zweistündigen Films erscheint eine Auflistung jener Städte und Länder, in welchen es ebenfalls strukturierten, von der Kirchenhierarchie gedeckten und vertuschten Kindesmissbrauch gegeben hat. Wegsehen ist seit den Bostoner Artikeln nicht mehr möglich: Selbst Papst Franziskus traf sich auf seiner letzten USA-Reise 2015 mit Missbrauchsopfern.

Die Unbestechlichen

Die Qualität des Films ist seine Unaufgeregtheit: McCarthy macht ganz ruhig die Mühsal der Recherche und den Aufwand bewusst, den es braucht, um zur Wahrheit vorzudringen. Wie Marty Baron hat er sich die Besten geholt: Keaton, Ruffalo, Rachel McAdams, Liev Schreiber, Stanley Tucci. Mit sechs Nominierungen geht "Spotlight" ins Oscar-Rennen. Man darf sich wünschen, dass die Unbestechlichen des Jahres 2015 möglichst viele mit nach Hause nehmen.

Info: "Spotlight". USA 2015.127 Min. Von Tom McCarthy. Mit Michael Keaton, Mark Ruffalo, Liev Schreiber.

Michael, der Eroberer, auf Ideensuche in Europa

Erwachsene Männer essen Gemüse und lächeln. Sie sind glücklich, ihnen schmeckt das Essen. Und die Mittagspause wird auch noch von der Firma bezahlt. Zwei Stunden!

Michael Moore staunt, kann es gar nicht fassen, was ihm die Arbeiter im Ducati-Werk in Bologna da erzählen. Dass die werktätige Bevölkerung nicht nur Respekt, sondern auch angemessene Sozialleistungen verdient, hat sich noch nicht herumgesprochen bis in die USA. Endgültig die Sprache verschlägt es Moore, als der Ducati-Chef bekräftigt, er zahle gerne die Mittagspause und den Urlaub seiner Mitarbeiter. Sie gäben es ihm, hochmotiviert, zehnfach zurück. Übrigens: Italien sei eines der 15 produktivsten Länder der Welt.

Wie ein neugieriges Kind fällt Michael Moore, der Dokumentaristen-Doyen amerikanischen Wahnsinns, in Europa ein, um gute Ideen für sein Land zu sammeln: das philanthropische Schulsystem in Finnland, der humane Strafvollzug in Norwegen, der freie Unizugang in Slowenien, das exzellente Schulessen in Frankreich, die Frauenfreundlichkeit der Isländer. Moores Fazit: Europa ist doch nicht von gestern. Wir pflichten gerne bei. Ein absolut lohnender Filmtrip.

Text: Susanne Lintl

Info: USA 2015. 119 Min. Von und mit Michael Moore.

KURIER-Wertung:

"Truman Show" auf Spanisch: Ein Leckerli

Sie kennen einander seit Kindheitstagen: Julián und Tomas sind beste Freunde. Als Tomas, der mittlerweile in Kanada lebt, zu Julián nach Madrid zurückkehrt, hat das einen traurigen Grund: Julian ist schwer krank, Krebs im Endstadium. Es heißt Abschied nehmen.

Was furchtbar sentimental klingt, wird in dieser leichtfüßigen Buddy-Chronik zum herzlichen Komplizentum mit zwei Männern, die sich nichts beweisen und nichts mehr vormachen müssen. Im Angesicht des Todes geht es schonungslos ehrlich, aber auch unendlich liebevoll zu. Gemeinsame Essen und Spaziergänge mit dem Hund werden zu philosophischen Ausflügen in die gemeinsame Vergangenheit.

Ach ja, der Hund, Truman: Er ist Juliáns Liebling, für ihn muss ein Platz nach dem Tod des Herrls gefunden werden. Ein lesbisches Pärchen bietet sich an und eine gestrenge ältere Dame. Truman fühlt sich bei beiden nicht wohl und verleiht seinem Unwohlsein durch bestialisch stinkende Fürze Ausdruck.

Die melancholische "Truman Show" auf Spanisch wurde auf Festivals mehrfach ausgezeichnet. Mit dem Publikumspreis.

Text: Susanne Lintl

Info: E/ARG 2015. 108 Min. Von Cesc Gay. Mit Ricardo Darin, Javier Camara.

KURIER-Wertung:

Ein gar nicht geiler Film über zwei Todkranke

Was machen zwei junge deutsche Männer, einer an Lungenfibrose und der zweite an einem inoperablen Gehirntumor erkrankt? – Sie unterschlagen Geld (weil sie die Rechnungen eh nicht mehr zahlen müssen), kaufen sich ein Auto/Flugticket und hauen ab. Um noch einmal so richtig auf den Putz zu hauen, das eigene Kind (von dem der eine die Mutter während der Schwangerschaft verlassen hat) zu sehen und ganz oben auf einem Kran zu balancieren.

Was ziemlich doof klingt, ist es auch, da können sich Matthias Schweighöfer und Florian David Fitz, die aufgedrehten Egoshooter des deutschen Kinos, noch so abstrampeln. Selten so etwas Unsinniges gesehen.

Text: Susanne Lintl

Info: D 2016. 110 Min. Von Florian David Fitz. Mit Matthias Schweighöfer, Florian David Fitz.

KURIER-Wertung:

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