Bekommt auch die Politik für den ESC zwölf Punkte?
Pro: Als für Wien zuständige Journalistin ist man derzeit ja viel auf Song-Contest-Terminen unterwegs und erfreut die Kollegen mit dem einen oder anderen Schnappschuss. Etwa einem von Wiens Bürgermeister Michael Ludwig, der mit dem ESC-Maskottchen Auri High-Five macht.
Auri ist ein rosa-lila Fantasiewesen mit leicht illuminiert dreinblickenden Augen, einer Zyklopennase (heißt so viel, dass Auri nicht einäugig, sondern einnasenlochig ist – oder ist das eine Tröte?) und mit monströsen gelben Kopfhörern. Als Antwort auf den Schnappschuss kam die eigentlich schon ehrenrührige Frage zurück: „Oh, hast du dir neue Kopfhörer gekauft?“ Nicht in die seriöse Stille der Pressekonferenz hineinzulachen, kann als Kraftakt bezeichnet werden.
Die Moral der Geschichte: Solche Bilder machen einfach Spaß. Und wenn ein Großevent in der Stadt ist, darf man den Politikerinnen und Politikern nicht verübeln, auch daran teilzuhaben. Wenn alle während der WM zu Fußballfans avancieren, regt sich schließlich auch keiner auf.
Ganz im Gegenteil: High-Fives mit Marko Arnautovic werden eher abgefeiert. Apropos: Herr Bundespräsident, wie sieht’s eigentlich aus mit einem eigenen Feiertag, wenn wir zwei Mal hintereinander den ESC gewinnen?
Agnes Preusser leitet das Chronik-Ressort des KURIER.
Contra: Man kann es sich richtig vorstellen: Michael Ludwig steht jeden Morgen auf, lässt sich über die neuesten Entwicklungen der Wiener Bezirkspolitik briefen, und danach, beim Morgenkaffee, legt er auf den Plattenspieler – Eigentum der MA 12 Punkte – das neueste Song-Contest-Vinyl.
Der erste Termin ist dann 30 Minuten intensiver Austausch mit Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler über die jeweiligen zehn Lieblingssongs aus jeder Dekade ESC. Der Koalitionspartner verpflichtet sich im Wiener Regierungsübereinkommen, mindestens vier Privatvorstellungen von Song-Contest-Songs-Karaoke mit Ludwig und Kaup-Hasler zu besuchen. Es ist ihnen nämlich ein großes, persönliches Anliegen! Schließlich sind die beiden wirklich, echt Fans des Bewerbs – und nützen diesen ganz sicher nicht, um jenes politische Kleingeld zu sammeln, mit dem man dann alle paar Jahre eine Wahl gewinnt.
Stadtpolitik ist ein schwieriges Geschäft. Dass man bei jeder sich darbietenden Politvorlage so tun muss, als wäre man da jetzt mit Feuereifer dabei, ist Teil des Jobs. Ludwigs scharfe Replik auf antiisraelische Demonstranten war weit glaubwürdiger als das übliche, eisern gut gelaunte Polit-Kapern des Song Contests. Fix bleibt: Die antiqueer(t)e Empörungspose der FPÖ ist das Peinlichste am ESC.
Georg Leyrer leitet das Kultur-Ressort des KURIER.
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