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Song Contest: Ist das Musik oder kann das weg?

Sie leitet die Chronik im KURIER, er das Kultur-Ressort. Sie kann sich für das Spekakel namens ESC sehrwohl begeistern, er glaubt sich höheren Ansprüchen verpflichtet. Gemeinsam werfen Agnes Preusser und Georg Leyrer täglich einen Blick auf den Song Contest in ihrer Heimatstadt. Heute: ein Pro und Contra zu der Frage: Kann man Song-Contest-Musik überhaupt hören?
Agnes Preusse und Georg Leyrer

Contra: In der langen, ehrenvollen Geschichte des Journalismus haben sich einige Traditionen entwickelt. Etwa jene, dass man in einen Artikel auch etwas hineinschreibt.

Das ist insofern schade, als dass man für diesen Text hier nur eine Zeile brauchen würde, um den musikalischen Wert des Song Contests zu beschreiben. Und selbst diese Zeile wäre dann leer:

(Hier sehen Sie eine Leerzeile)

Ja, hin und wieder passiert es. Trotz öffentlicher Auswahlverfahren oder überwuzelter Jurys rutscht ein guter Song durch, der dann beim Song Contest zu hören ist. Da runzelt man dann kurz die Stirn, denkt sich „ha“, aber schon bei der nächsten Nummer ist man wieder in jenem Klanguniversum, das es so nur beim ESC gibt. Die Songschreiber kaufen beim Baumarkt den dicksten Emotionspinsel, malen mit diesem ein eckiges Wandgemälde, und bevor man sich noch aufregen kann, ist der Song – nach einem aufbrausenden Refrain – schon vorbei.  

Wobei der Song Contest hier ein Mal in seiner Geschichte an vorderster Front steht: Denn genau so – möglichst rasch zum Punkt kommen, möglichst nicht langweilen – funktioniert die Popmusik im Streamingzeitalter.  Die Popmusikwelt wird immer mehr zum Song Contest. Null Punkte!

Georg Leyrer leitet das Kultur-Ressort des KURIER.


Pro: Im redaktionellen Alltag soll schon der ein oder andere neidische Blick Richtung Kulturressort geworfen worden sein. Wie freudvoll es doch sein muss, sein aus  Sprachwitz, Bissigkeit, Zynismus und Eloquenz geschmiedetes Schwert an Musik- oder Theaterproduktionen zu wetzen.  

In der Song-Contest-Woche wird aus dem Neidgefühl allerdings reines Mitleid. Selbst ist es einem schließlich vergönnt, sich an den ESC-Liedern zu erfreuen   – so richtig und aus vollem Herzen. Es ist sogar kein Problem, zuzugeben, dass man  eines davon richtig gut findet. Ganz  ohne Angst zu haben, seinen Job zu verlieren oder im Klubhaus der Opernkritiker gemobbt zu werden.    Bei einer Chronikerin – unter  anderem zuständig für Alltagsthemen  – erwartet sich ohnehin keiner einen erlesenen Geschmack. Und selbst wenn sich jemand daran stört, dass mitunter auch Hits mitgeschmettert werden, traut sich das eh keiner auszusprechen. Wie gut berufsbedingt die Kontakte in die Unterwelt sind, kann schließlich niemand mit Sicherheit sagen.  

In den kommenden Tagen wird jedenfalls genau geschaut werden, wie oft der Kollege die Stirn runzeln muss, weil ihm doch mehr Lieder gefallen als ihm lieb ist. Man weiß ja nie, wann man Erpressungsmaterial brauchen kann. 

Agnes Preusser leitet das Chronik-Ressort des KURIER.

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