© APA/GEORG HOCHMUTH

Kultur
06/29/2020

So war das letzte Klassikwochenende einer einzigartigen Saison

Das letzte Konzert unter der Intendanz von Thomas Angyan, Abschied von Dominique Meyer und Ausblicke in der Volksoper.

Goldenes Finale einer goldenen Ära: Abschied von Angyan im Musikverein

Dass Orchester, Dirigenten und Solisten mit stehenden Ovationen gefeiert werden, ist wirklich nicht außergewöhnlich. Dass ein Intendant von (leider nur) 100 erlaubten Besuchern, einem Dirigenten und einem Orchester mit stehenden Ovationen bedacht wird, hat aber Seltenheitswert.

So geschehen im Wiener Musikverein nach dem Ende eines Konzertes der Wiener Symphoniker unter der Leitung von Manfred Honeck. Denn es galt, Abschied zu nehmen. Von Thomas Angyan, der nach 32 erfolgreichen Jahren an der Spitze das Haus verlässt. Corona–bedingt ohne Party, aber mit vielen Emotionen.

Doch der Reihe nach. Vier Konzerte innerhalb von zwei Tagen haben die Wiener Symphoniker im Musikverein gespielt – auf eine von Dirigent Honeck souverän realisierte Ouvertüre zu Giuseppe Verdis „La forza del destino“ folgte eine hinreißende Interpretation von Piotr Iljitsch Tschaikowskys fünfter Symphonie, der so genannten „Schicksalssymphonie“.

Und das Schicksal – in Form von Corona – wollte es auch, dass die Ära Angyan genau mit diesem Werk und nicht mit Mahlers „Symphonie der Tausend“ ihr offizielles Ende fand. Nicht ganz allerdings. Denn der scheidende Intendant wurde noch mehrfach gewürdigt.

Mit Dankesworten von Johannes Stockert, seines Zeichens Präsident der Gesellschaft der Musikfreunde. Mit 32 schönen Rosen, die auch Angyans Gattin Eva gewidmet wurden.

Der Kreis schließt sich

Und mit einer beeindruckenden Statistik seitens der Symphoniker, die unter der Ägide Angyans nun genau 1.530 Konzerte im Musikverein bestritten haben. Beim ersten, nach dem Amtsantritt Angyans im Jahr 1988, stand übrigens auch Tschaikowskys Fünfte auf dem Programm. So schließen sich die musikalischen Kreise.

Als „großes Finale einer goldenen Ära“ bezeichnete Manfred Honeck nach dem letzten Angyan-Konzert im Goldenen Saal die 32 Jahre. Passenderweise erhielt der scheidende Chef aus den Händen der Wiener Symphoniker noch die Anton-Bruckner-Ehrenmedaille in Gold.

Sichtlich gerührt dankte Angyan allen Anwesenden, ehe nochmals die Musik zum Zug kam. Mit dem Walzer „Gold und Silber“ aus der Feder von Franz Lehár gab es einen letzten symphonischen Abschiedsgruß.

Dann die lang anhaltenden Ovationen, die Angyan dazu nötigten, sie auf dem Dirigentenpult entgegenzunehmen. Ganz so, wie es sich für einen bedeutenden Maestro gehört. Peter Jarolin

Stehende Ovationen zum Abschied von Dominique Meyer

Staatsoper.  Stehende Ovationen – und das minutenlang. Die Akklamationen galten am letzten Abend in der Direktionszeit von Dominique Meyer an der Wiener Staatsoper dem scheidenden Hausherrn selbst, der zum Ehrenmitglied ernannt wurde (siehe Seite 23). Bevor er sich ganz seinem neuen Posten, der Intendanz der Mailänder Scala, widmet, und Bogdan Roščić in Wien übernimmt, verabschiedete sich Meyer nach 3.800 Aufführungen von 122 Werken mit einem „Galakonzert des jungen Ensembles“. Adam Fischer und Marco Armiliato, jene beiden Dirigenten, die sich in den vergangenen Jahren immer wieder als verlässliche Kapellmeister im Graben erwiesen hatten, leiteten alternierend die Wiener Philharmoniker. 

Meyers letzter Akt war ein starkes Bekenntnis zu seiner Arbeit im Haus am Ring und Statement gleichermaßen. Denn er verzichtete an diesem Abend, den Fischer mit einem Mozart-Block begann, auf großes Startheater zugunsten seines Ensembles. Er habe sich für „seine Kinder“ entschieden, ließ er das Pandemie-bedingt auf 100 Besucher beschränkte Publikum wissen. Dazu gehörten Olga Bezsmertna, Valentina Nafornita, Mariam Battistelli, Benjamin Bruns, Adam Plachetka und Clemens Unterreiner oder Jongmin Park.

Nicht wenige sind bereits an den bedeutendsten Häusern engagiert wie Tomasz Konieczny, der für sein expressiv intoniertes „Die Frist ist um“ aus Wagners „fliegendem Holländer“ bejubelt wurde. Oder Anita Hartig und Daniela Fally. Am Ende hieß es Adieu mit Verdis „Falstaff“, „Tutto nel mondo è burla“. Susanne Zobl

Eine feine Saisonvorschau in der Volksoper

Eigentlich  hatte Direktor Robert Meyer geplant, im Juni Open-Air in diversen Parkanlagen zu spielen. Dieses Vorhaben  scheitere  aber an behördlichen Hürden.  Also  wurde das Haus am Gürtel an den vergangenen drei Wochenenden  Schauplatz des musikalischen  Saisonfinales.  Stets vor den erlaubten 100 Besuchern und unter Einhaltung aller corona-bedingten Vorgaben.

Unter dem Titel „Ich möchte träumen . . .“  wurde dabei der letzte Konzertblock zu  einem  feinen Ausblick auf die kommende Spielzeit, für  die  der Kartenvorverkauf am 1. Juli beginnt. Höhepunkte aus Operette und Musical standen auf dem Programm. Das Orchester der Volksoper nahm auf der Bühne Platz und konnte unter der kundigen Leitung von Lorenz  C. Aichner sein hohes Können und seine stilistische Vielfalt   unter Beweis stellen.

Die Ouvertüre zur „Fledermaus“ von Johann Strauß als schwungvoller, aber niemals plakativer Auftakt.  Es folgte mit „Ich hätt’ getanzt heut’ Nacht“ mit einer exzellenten Johanna Arrouas als Solistin und dem Song „In der Straße wohnst du“  mit dem charmanten Ben Connor als Interpreten ein Block aus Lerners und Loewes Musical „My Fair Lady“.

Michael Havlicek und Elisabeth Schwarz entführten mit „Wenn ich abends  schlafen geh“ in die Welt von Emmerich Kálmáns „Gräfin Mariza“ und danach mit „Meine Liebe, deine Liebe“ in Franz Lehárs „Land des Lächelns“. Sehr schön auch das Duett „Wer hat die Liebe uns ins Herz gesenkt“  von Rebecca Nelsen und Vincent Schirrmacher, wobei letzterer bei „Dein ist mein ganzes Herz“ mit Spitzentönen  protze.

Johanna Arrouas kehrte mit Arlens „Somewhere Over the Rainbow“ aus dem „Zauberer von Oz“ eindrucksvoll zurück; Ben Connor erinnerte noch an Lerners und Loewes „Brigadoon“. Finaler Höhepunkt aber das „Vilja-Lied“ aus Lehárs „Lustiger Witwe“ von Rebecca Nelsen. Dankbarer Jubel.Peter Jarolin

„In eine bessre Welt entrückt“: Florian Boesch im Musikverein

Wie stellt man sich der Leere in einem Saal, in dem 2.000 Menschen Platz haben, aber nur 100 kommen dürfen? Eine Möglichkeit wäre, diese wenigen mit seinem Gesang in andere Welten zu führen wie Florian Boesch.

Der österreichische Bassbariton ließ im Goldenen Saal des Wiener Musikvereins erleben, wie leicht man dieses Virus-bedingte Ungemach vergessen lassen kann. Justus Zeyen war ihm dabei ein kongenialer Begleiter.

Als Boesch in Carl Loewes Vertonung von Herders Ballade „Herr Oluf“ in das Reich des Erlkönigs eindrang, wandelte er seinen Liederabend zur Märchenstunde mit Horrorfaktor. Lautmalerisch begleitete Zeyen seinen Sänger durch Loewes musikalische Umsetzung von „Tom der Reimer“, einem Gedicht von Theodor Fontane.

Dabei profitierte der famose Singschauspieler der Opernbühne vom intellektuellen Liedgestalter, ohne diese Facetten seiner Kunst gegeneinander auszuspielen.
Bei den Liedern von Richard Strauss gab Boesch Expressivität den Vorzug gegenüber Schöngesang. Dem reichen Klangfarbenspektrum seines kraftvollen Bassbaritons forderte er dabei alles ab.

Bei seinen eruptiven Ausflügen ins Opernhafte kostete er den Hall im fast leeren Saal famos aus und spielte mit blass-grauen Nuancierungen. Atemberaubend beklemmend gerieten Karl Friedrich Henckell Verse „Ruhe meine Seele. Und vergiss, was dich bedroht“, Strauss op. 27/1. In den Kosmos purster Romantik tauchten Zeyen und Boesch mit dem Liederkreis, op. 24, von Robert Schumann.   In der Tat, Boesch hatte uns in eine „bessre Welt entrückt“, wie es in Franz Schuberts „An die Musik“ heißt, das er als Zugabe hören ließ. Das Publikum jubelte. Susanne Zobl