So schreibt man Chaos

schriftsteller WESJOLY, roman BLUT UND FEUER…
Foto: /Staatliches Literaturmuseum, Moskau. Der Dichter Wesjoly als Rotarmist, 1918

Für diesen Antikriegsroman wurde der russische Dichter Artjom Wesjoly unter Stalin zum Tod verurteilt.

Jahrzehntelang stand in dem Roman über Russland, die Oktoberrevolution und den Bürgerkrieg – wenn überhaupt etwas stand, denn zeitweise war er verboten:

"In ganz Russland sitzen jetzt die Bolschewiken oben, und das, mein Lieber, das sind Leute ..."

Dass der Satz damit nicht zu Ende war, durfte man erst Ende der 1980er lesen:

" ... das sind Leute, mit der einen Hand zeigen sie Dir n Kuchen und mit der andern haun sie Dir eins aufs Maul."

Hingerichtet

"Blut und Feuer" heißt der Antikriegsroman von Artjom Wesjoly in der ergänzten Neuausgabe. (Im vergriffenen Buch von 1987 hatte er den Titel "Russland in Blut gewaschen".) Jüngst entdeckte man weitere Textpassagen, die zensuriert worden waren.

Wesjoly kämpfte als 19-Jähriger selbst im Bürgerkrieg. Er wurde Rotarmist, um der Armut – zwölf seiner 14 Geschwister starben – zu entkommen. Aber schnell wurde ihm klar: Barbarei ist nicht der richtige Weg, um ans Licht zu gelangen.

"Blut und Feuer" erschien in der Sowjetunion erstmals 1932; und verschwand unter Stalin – wie auch Wesjoly verschwand. Seine Töchter haben bis Ende der 1980er Jahre geglaubt, ihr Vater sei nach seiner Verhaftung an Lungenentzündung gestorben.

Hingerichtet wurde er 1938, 38 Jahre alt..

Etüden

Über sein rhythmisches, wildes Erzählen im eigenwilligen Jargon heißt es, man höre die Musik der Revolution, man spüre den Sturm, der jene Menschen verschlingt, die er befreien wollte ... Bei solchem Lob neigt man zur Abwehrhaltung: Wenn hier jemand übertreibt, dann ausschließlich man selbst!

Aber es stimmt. Artjom Wesjoly, der Einzige seiner Familie, der Schreiben und Lesen lernen durfte, war ein Dichter.

Das ist Dichtung mit wenig durchgehender Handlung; Verdichtung des Terrors durch die Roten und die Weißen.

Anstrengend? Ja, gut so, selbstverständlich ein bisschen, weil jede Zeile mehr ist als ein paar Buchstaben. Chaos herrscht, und dazwischen sind "Etüden" – wie Wesjoly sie bescheiden nannte. Kleine Meisterwerke, zarte Geschichten als Kontrast.

Jemand schreit: "Antreten, ihr Armleuchter!"

Nein. Nie mehr.

Artjom Wesjoly:
„Blut und Feuer“
Übersetzt von Thomas Resche. Nachwort von Jekatherina Lebedewa.
Aufbau Verlag.
640 Seite.
28,80 Euro.

KURIER-Wertung: *****

(kurier) Erstellt am
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