© Thierry Smolderen / Carlsen Verlag

Kultur
11/19/2019

So schön waren Albträume, als Winsor McCay sie zeichnete

Zum 150. Geburtstag des genialen Schöpfers von "Little Nemo in Slumberland".

von Peter Pisa

Die Albträume, die nicht nur er hatte, ließen sich schwer mit zu spät am Abend gegessenen Käsebroten und fetten Torten erklären. Vielleicht waren es die Albträume eines ganzen Zeitalters.

Zeichnen half.

Winsor McCay zeichnete Albträume, schönere hat es in der Comicgeschichte vorher nicht gegeben und auch nachher nicht.

Im Nachthemd

Allererster Traum, 15. Oktober 1905:

Ein etwa fünfjähriger Bub mit zerzausten Haaren, der McCays Sohn Robert ähnlich sah und Nemo genannt wurde, schläft abends ein – und reitet danach im Nachthemd Richtung Mond. Er wird von einem grünen Känguru, auf dem ein rosa Affe sitzt, überholt. Nemo fällt daraufhin aus dem Bett.

Der zweite Traum, eine Woche später:

Ein Wald mit riesigen Champignons. Nemo versucht sich durchzuschlängeln, die Schwammerln zerbrechen aber und begraben den kleinen Buben. Er wacht schreiend auf, der Vater setzt sich zu ihm ans Bett.

Bis 1927

So fing es an: Jeden Sonntag eine ganze Seite in der Zeitung, angefangen im New York Herald, das Ende im Jänner 1927 in der Herald Tribune.

Leser schickten ihre Träume an die Redaktion, in "Little Nemo in Slumberland" verwandelte McCay sie in Bilder, inspiriert vom Jugendstil.

Der Amerikaner kannte Freuds "Traumdeutung"(1899) nachweislich nicht. Sein Interesse hatte sich parallel entwickelt.

Es ist 150 Jahre her, dass McCay im US-Bundesstaat Michigan geboren wurde.

Es ist 105 Jahre her, dass er in Shows mit dem von ihm gezeichneten Trickfilm-Dinosauriermädchen Gertie auftrat. Die Sensation: Er agierte von der Bühne aus mit Gertie, warf ihr Essen zu, bat sie, sich zu verbeugen. Mit dieser Show ging er auf Tournee.

Es ist 85 Jahre her, dass er in New York aufschrie, es sei aus, alles sei aus, denn seine Zeichenhand war plötzlich gelähmt – Gehirnblutung.

Kurz darauf war er tot.

Gesamtwerk

Der Kölner Taschenverlag hat alle Nemo-Abenteuer neu aufgelegt, und der Hamburger Carlsen Verlag brachte kürzlich eine ältere französische Graphic Novel erstmals auf Deutsch heraus: "McCay" von Thierry Smolderen und Jean-Philippe Bramanti hält sich zu einem Teil an bekannte biografische Fakten.

4. Dimension

Zum größeren Teil ist das Buch ein dunkler, surrealer Comic, in dem Winsor McCay in die vierte Dimension vordringt – wo es keinen Raum und keine Zeit gibt, wo der Mensch alle seine Fesseln ablegen kann. 

McCay lernte seine Kunst, indem er ein Jahrzehnt lang in Varietés Zuschauer und Attraktionen porträtierte. Nach der Arbeit studierte er bei einem Lehrer perspektivisches Zeichnen, und zwar immer nur anhand von Kugel, Kegel, Zylinder und Würfel.

McCay hat es bewiesen: Wer Kugel, Kegel, Zylinder und Würfel zeichnen kann, der kann alles zeichnen.

Sogar aufgerissene Drachenmäuler und galoppierende Elefanten im Palast von König Morpheus. Das ist die Rahmenhandlung: Morpheus versucht, Nemo in sein Reich entführen zu lassen, damit seine Tochter, die Prinzessin, einen Spielgefährten hat.

Und sogar ganze Städte konnte er zeichnen, in denen ein Monstertruthahn Häuser pickt statt Körner.

Pures Gold

"Little Nemo in Slumberland" war nicht einfach nur ein Comicstrip. Winsor McCay war nicht bloß ein Pionier. Er schuf das Kinderbuch des 20. Jahrhunderts. Manche behaupten, was er hinterlassen hat, sei pures Gold.

Trotzdem ist es noch immer nicht gelungen, ihm einen schönen Platz in der Kunstgeschichte zu geben.

Thierry Smolderen (Text) und Jean-Philippe Bramanti (Zeichnung): "McCay"
Varlsen Verlag.
224 Seiten.
37,10 Euro.

KURIER-Wertung: ****

Winsor McCay sitzt in seiner Zeichenwelt: Die Zeichnung oben von Jean-Philippe Bramanti ist, mit freundlicher Genehmigung des Carlsen Verlags, dem Buch "McCay" entnommen.

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