Sixto Rodriguez: Drei Jahrzehnte vergessen, dann ein Rätsel, jetzt ein Star

© Reuters/VALENTIN FLAURAUD

Sixto Rodriguez
03/27/2014

Seine Geschichte ist der Star

Der wiederentdeckte Sänger Sixto Rodriguez lieferte seinen ersten Wien-Auftritt nach dem oscarprämierten Dokumentarfilm.

von Peter Temel

Ein 71-Jähriger spielt Folk-Songs aus der Post-Hippie-Ära, garniert mit Rock'n'Roll-Coverversionen. Warum sollte das ein - noch dazu jugendliches - Publikum interessieren? Am Mittwoch strömten aber 1.850 Zuschauer in die Wiener Stadthalle F, um den relativ konventionellen Auftritt von Sixto Rodriguez zu hören. Es war ein Konzert, das ohne entsprechenden Beipackzettel schwer zu konsumieren gewesen wäre.

Dieser lautet: Ein Singer/Songwriter aus Detroit schreibt Anfang der Siebziger Jahre ein paar großartige Songs, die an Bob Dylan erinnern, kehrt dem Musikbusiness aber nach zwei erfolglosen Studioalben den Rücken zu. Er zieht sich 1971 ins Privatleben zurück und verdingt sich als Hilfsarbeiter in der "Motor City". Ohne es selbst zu bemerken, wird Rodriguez aber in Südafrika, Australien und Neuseeland mit seinen teils sozialkritischen Liedern zum Star. Der Kult führte bis zur Mythenbildung über Rodriguez' angeblichen Tod. Bis der Ex-Musiker Ende der Neunziger Jahre von zwei südafrikanischen Fans völlig verarmt in Detroit ausgegraben wurde. Diese Story, die 2012 in der oscarprämierten Doku "Searching for Sugar Man" erzählt wird, sorgte für einen späten internationalen Durchbruch des 71-Jährigen. Nun füllt er Hallen in aller Welt, und möchte gar ein neues Studioalbum aufnehmen.

Faszinierend

Die faszinierende Vorgeschichte sorgte auch in der Wiener Stadthalle für Spannung, und bereits beim Auftritt der Vorband, ein Folkmusiker namens Cory Becker, für Jubel. Als dann Sixto Rodriguez, angekündigt als "the Legend", die Bühne betrat, nahm der Lautstärkepegel beachtliche Ausmaße an. Gebrechlich wirkte er, Helfer stützten ihn beim Gehen.

Nach zwei solo intonierten Songs sprang dem Gitarristen und Sänger eine Begleitband bei. Die Vorstellung von Leadgitarre, Bass und Schlagzeug war zugleich auch die erste Wortspende von Rodriguez. In den lauteren Passagen rückte die Band den sagenumwobenen Star des Abends zwar etwas in den Hintergrund, brachte ihn aber letztlich gut durch den Abend.

Rodriguez spielte seine in Südafrika gefeierten Songs wie "I Wonder", "Establishment Blues" und natürlich den psychedelischen Folksong "Sugar Man". Erstaunlich war, dass er das bekannteste Lied bereits nach einer halben Stunde brachte, und nicht, wie das Legenden für gewöhnlich so tun, am Schluss. Die folgenden Standing Ovations brachten zwischendurch die Regeln eines Sitzkonzerts durcheinander.

An der Kippe

Als dann brav gespielte Coverversionen von "Blue Suede Shoes" und "Fever" folgten, schien kurz das Konzert an der Kippe, beim Little-Richard-Cover "Lucille" auch Rodriguez`Stimme.

Doch letztlich ist alles gut gegangen: Für Rodriguez, der seinen Auftritt bereits nach rund 70 Minuten mit dem Sinatra-Song "I am gonna live till I die" beschloss, und auch fürs Publikum, das sichtlich erfreut war, der noch immer charismatischen Stimme einer lebenden Legende gelauscht zu haben und bei den Zugaben zum Bühnenrand strömte.

Was bleibt, ist ein bejubelter Auftritt, der nicht in alltäglichen Maßstäben zu messen ist. Und die sparsam dosierte Altersweisheit einer eremitenhaften Erlöserfigur jenseits des gewöhnlichen Starprinzips. Über Drogen sagte Sixto Rodriguez: "Be smart, don't start". Und über Hass: "Das ist eine zu große Emotion, um sie an jemanden zu verschwenden, den man nicht einmal mag."

INFO: Rodriguez kommt heuer noch einmal nach Österreich, und zwar am 19. Juli als Headliner beim Nova Jazz & Blues Nights Festival in Wiesen, gemeinsam mit Gregory Porter und dem John Butler Trio.

Konzertfotos von Sixto Rodriguez

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