„Wow, ich?“ – Ein Gespräch mit Siri Hustvedt über brave Mädchen und falsche Fassaden

Die amerikanische Bestsellerautorin und Witwe von Paul Auster im Gespräch über ihre neue Doku „Siri Hustvedt: Dance Around the Self“,
Siri Hustvedt

Siri Hustvedt ist eine überragende Erscheinung. Nicht nur aufgrund ihrer hoch gewachsenen Körpergröße von 1 Meter 83. Gekleidet ganz in Schwarz, umhegt kurzes blondes Haar ihr freundliches Gesicht, aus dem zwei große blaue Augen leuchten. Sofort fühlt man sich von einer Welle der Zugewandtheit erfasst, und in Präsenz einer Person, die sich mit ungekünstelter Offenheit in ein Gespräch begibt.

Siri Hustvedt ist profilierte Bestsellerautorin, deren Bücher wie „Was ich liebte“, „Die gleißende Welt“ oder „Die zitternde Frau“ in über dreißig Sprachen übersetzt wurden. Und sie ist auch die Witwe von Paul Auster. Über ihn, den prominenten amerikanischen Autor, drehte die deutsche Filmemacherin Sabine Lidl 2019 den Fernsehfilm „Was wäre wenn“. Bei dieser Gelegenheit lernte sie Austers Ehefrau Siri Hustvedt kennen. Und obwohl Hustvedt zu den bedeutendsten Autorinnen der US-Gegenwartsliteratur zählt, wurde sie vielfach nur im Schatten ihres Mannes, als „Frau von Paul Auster“ wahrgenommen. Dieser Umstand befeuerte Lidl, ein eigenes Filmporträt über sie zu drehen: „Siri Hustvedt – Dance Around the Self“ läuft derzeit im Kino.

„Wow, ich?“

Ja, sie habe sich sehr geschmeichelt gefühlt, als man mit der Frage an sie herantrat, einen Dokumentarfilm über sie machen zu wollen, gibt Siri Hustvedt im Round-Table-Gespräch mit dem KURIER und anderen Medien zu und strahlt in die Runde: „In unserer Kultur wird ununterbrochen gelogen. Deswegen habe ich beschlossen, so offen und ehrlich wie möglich zu sein. Das ist meine Form der Rebellion.“

Als Sabine Lidl mit dem Filmprojekt an sie herantrat, ahnte Siri Hustvedt noch nicht, dass ihr die schlimmste Zeit ihres Lebens bevorstand. Die Dreharbeiten begannen 2022. Gerade erst war Paul Austers zehnmonatige Enkeltochter an einer Vergiftung gestorben, kurze Zeit später starb auch Daniel, Austers Sohn aus erster Ehe, im Alter von 44 Jahren an einer Überdosis Heroin.

Wenig später kam die Diagnose: Paul Auster war an Lungenkrebs erkrankt. Es folgte eine dramatische Zeit für das Ehepaar und die gemeinsame Tochter Sophie, die gerade mit ihrem ersten Kind schwanger war. Doch nein, sie habe keine Sekunde daran gedacht, die Dreharbeiten abzubrechen, sagt Hustvedt entschieden: „Wenn ich etwas zusage, bleibe ich dabei.“

Paul Auster und Siri Hustvedt schauen ein Fotoalbum an.

Große Liebe: Siri Hustvedt und ihr „Lebensmensch“, der kürzlich verstorbene Schriftsteller Paul Auster.

Einen therapeutischen Effekt hätten die Dreharbeiten allerdings nicht auf sie gehabt: „Das erlebe ich nur, wenn ich selbst kreativ bin und Kunst mache.“

Aufbruch nach Manhattan

Im Alter von 13 Jahren beschloss Siri Hustvedt, Schriftstellerin zu werden. Diese Eingebung hatte sie während einer Reise durch Island, als sich ihr die Welt der Bücher eröffnete – wie etwa die Lektüre von Charles Dickens’ Roman „David Copperfield“. Dessen Schicksal regte sie dermaßen auf, dass sie herzklopfend das Buch niederlegen und das Lesen unterbrechen musste: „Ich erinnere mich, wie ich zum Fenster ging und dachte: ,Wenn Bücher so etwas auslösen können, dann will ich Bücher schreiben.’ Das habe ich dann auch meinen Eltern erzählt.“ An dieser Stelle muss Hustvedt schallend lachen: „Ich bin sicher, sie dachten, ich sei eine kleine, arrogante Idiotin.“

Hustvedt ist die älteste von vier Töchtern norwegischer Eltern und wuchs im Mittleren Westen auf. Ihr Aufbruch aus den flachen, ländlichen Feldern Minnesotas in Richtung Manhattan, um Schriftstellerin zu werden, wird in der Doku „Siri Hustvedt: Dance Around the Self“ einfallsreich nachgezeichnet; im Erzählfluss der Bilder finden sich etwa kleine Animationssequenzen, die auf Hustvedts eigenen Zeichnungen basieren und beflügelte junge Frauen mit fliegenden Haaren zeigen: „Diese animierten Zeichnungen haben mich sehr glücklich gemacht“, schwärmt Hustvedt und legt gleich nach: „Ich bin dazu erzogen worden, ein braves, gehorsames Mädchen zu sein. Natürlich sind Empathie und Mitgefühl extrem wichtige Eigenschaften im Leben. Aber es gibt den Moment, wo das gefügige Mädchen, das es immer allen recht machen will, sich selbst schadet. Das ,good girl‘ war ein starker Teil meiner Identität, und ich habe lange gebraucht, es loszuwerden.“

Überhaupt hat Siri Hustvedt absolut keine Lust darauf, den Klischeebildern von einem glücklichen Vorzeigeleben zu entsprechen: „Wir leben in einer Kultur der ständig überwachten Bilder. Alle sind damit beschäftigt, ihre eigene Existenz möglichst gut dastehen zu lassen. So will ich nicht leben.“

Daher kam es für sie und ihre Familie nicht infrage, den Mantel des Schweigens über Paul Austers Krebserkrankung zu legen: „Krankheit ist keine Schande. Und wir tun unserer Kultur keinen Gefallen, wenn wir Krankheit, egal ob physisch oder psychisch, stigmatisieren.“

Je älter sie werde – „Jetzt bin ich siebzig!“ – desto leidenschaftlicher beschäftige sie sich mit diesem Thema: „Ja, Paul war krank, gebrechlich, sterblich. Aber das sind wir alle, verdammt noch einmal. Wir alle werden einmal sterben.“

Auch was ihre eigene Befindlichkeit betrifft, legt Siri Hustvedt die Karten auf den Tisch. Eine Zeit lang litt sie – wie übrigens auch Angela Merkel – an unkontrollierbaren Zitteranfällen: „Natürlich war das peinlich. Natürlich ist es nicht angenehm, zuzugeben, dass man unkontrolliert zittert. In Deutschland wurde es als besonders schockierend empfunden, als ich meine Symptome offen ansprach. Aber ich habe beschlossen, mich nicht dafür zu schämen.“

Im Gegenteil. Sie schrieb ein ganzes Buch zum Thema in „Die zitternde Frau. Eine Geschichte meiner Nerven“: „Und ich hatte eine Menge Spaß dabei. Es befinden sich viele lustige Sachen darin, wie übrigens auch in meinem neuen Buch ,Ghost Stories: Ein Buch der Erinnerung‘ (der KURIER berichtete). Es handelt von Tod und der Trauer um meinen Mann, aber es kommen auch Witze darin vor. Weil die sind auch Teil des Lebens.“ Und wieder lacht sie ihr ansteckendes Lachen.

Verzweiflung ist keine Option

Nur wenn es um Politik geht, hat Siri Hustvedt ihren Humor verloren. Sie ist Mitglied einer Organisation namens „Writers for Democratic Action“, die aus Kulturschaffenden besteht und sich besonders für den Schutz der Demokratie einsetzt. Gerade was die Meinungsfreiheit in den USA unter der Trump-Regierung anbelangt, macht sich Hustvedt große Sorgen: „Erstmals in meinem Leben werde ich Zeugin davon, dass Leute Angst davor haben, ihre Meinung zu äußern. In unserer US-Verfassung ist von ,wir, dem Volk‘ die Rede. Damals waren mit ,wir‘ weiße Männer mit Besitz gemeint. Aber für mich bestand die Geschichte der USA darin, das ,wir‘ inklusiver werden zu lassen.“

Davon sei heute keine Rede mehr. Frauenhass, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit würden nun offen praktiziert: „Das ,wir‘ zieht sich wieder auf reiche, weiße Männer zusammen“, seufzt Siri Hustvedt: „Millionen von Menschen haben Trumps Nazi-Rhetorik ignoriert und ihn gewählt. In unserem Land läuft etwas schief und dagegen müssen wir ankämpfen. Aber Verzweiflung würde ihm nur zuarbeiten. Verzweiflung ist keine Option.“

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