Von links nach rechts: John Rowley, Chihiro Ono (Violine), Nicki Hobday, Aisha Orazbayeva (Violine) und Tim Etchells

© Nurith Wagner-Strauss

Kultur
09/24/2021

Sinnlos wirkende Sprachfetzen, von Stimmen und Geigen zum Leben erweckt

Mit "Heartbreaking Final" von Tim Etchells und Aisha Orazbayeva finden die Wiener Festwochen ein würdiges Ende.

von Peter Temel

Tim Etchells von der britischen Künstlergruppe Forced Entertainment ist kein Freund detaillierter Erklärungen: „Es gibt kein Narrativ; der Text, die Musik entfaltet sich“ sagt er im Programmheft der Wiener Festwochen über seine Klang-Text-Performance „Heartbreaking Final“. Und: „Man sieht uns fünf, wie wir mit Material verschiedener Art umgehen und das Stück aushandeln.“

Das Textmaterial stammt aus Etchells Notizheften und besteht aus Alltagsbanalitäten, Alltagstätigkeiten aber auch existenziellen Sorgen. Unzusammenhängend werden die fix vorgegebenen, kurzen englischsprachigen Sätze (hier in Übersetzung) aneinandergereiht: „Ich kümmere mich um den Papierkram. Ich schaue zurück. Es bringt mich zur Weißglut.“ Oder: „Ich beurteile die Lage. Ich spucke Blut. Ich schwitze. Ich bin verliebt.“

Gemeinsam mit den Performern John Rowley und Nicki Hobday trägt Etchells diese Texte vor. Die drei Sprecher sagen die Sätze hintereinander, dann wieder gleichzeitig, die Sätze überlagern sich. Doch immer wieder finden die drei zusammen und es schälen sich gemeinsam gesprochene Sentenzen heraus, zum Beispiel: "And what kind of object is the sun?“

Der Satz, der nach der Objekthaftigkeit der Sonne fragt, wird - eindringlich wie ein Mantra - viele Male wiederholt. Zum Teil erinnert der Spachduktus an Hip-Hop.

Klangskulpturen

Nachgerade organisch fügen sich die Violinen von Aisha Orazbayeva und Chihiro Ono in die mäandernden Text- und Klangskulpturen ein. Es ist keine Begleitmusik, sondern wirkt einmal als emotionale Verstärkung des Gesagten, dann wieder vorantreibend, den Puls vorgebend.

In einer kurzen Spielpause entfernt Orazbayeva die gerissenen Haare ihres Bogens. Das Stück ist fordernd, anfordernd, auch für das Publikum, dann aber wieder meditativ.

Es werden Orte beschworen, „volle Straßen, leere Straßen“, oder "überfüllte Wälder“, „überfüllte Krankenhäuser“ oder „überfüllte Wüsten“. Letztgenannte Kombination ergibt keinen Sinn, aber „Heartbreaking Final“ will auch keinen vorgefertigten Sinn herstellen, seine Assoziationen muss an diesem Abend schon jeder selbst finden.

Dann wieder ein ganzer Satz: „Und morgens um diese Zeit wirkt das Zimmer sehr still.“

Auch Verfall wird thematisiert: „Ich vergehe. Ich verschwinde. Ich verkomme.“

Die Corona-Krise sei zwar nicht Anlass für die Performance gewesen, aber sie sei eben im Kontext dieser Zeit entstanden, sagt Etchells.

Das Herz brechen

Am Ende kommt der Stücktitel „Heartbreaking Final“, der in Neonbuchstaben hinter der Bühne prangt, zu seinem Recht. Immer wieder sagt Etchells: „I am trying to break your heart.“ Die Violinen sind längst verstummt, die Performance und damit auch bald diese verlängerten Wiener Festwochen, endet mit: "Break Your Heart.“

Bei der Uraufführung Donnerstagabend im Jugendstiltheater am Steinhof wurde „Heartbreaking Final“ mit viel Applaus und Jubel aufgenommen. Der einstündige Text- und Klangstrom ist anfordernd, aber keineswegs verstörend und vermag, einen in seinen Bann zu ziehen - wenn man sich darauf einlässt.

"Heartbreaking Final" von Tim Etchells und Aisha Orazbayeva, Uraufführung bei den Wiener Festwochen. Text und Regie: Tim Etchells, Musik: Aisha Orazbayeva. Mit: Tim Etchells, John Rowley, Nicki Hobday und Aisha Orazbayeva (Violine), Chihiro Ono (Violine). Licht: Alex Fernandes, Sound: Alexandre Fostier. Jugendstiltheater am Steinhof.

Weitere Aufführungen am 24. und 25. September, 20.00 Uhr. Am 19. November servieren die Festwochen mit "Eraser Mountain" des japanischen Theatermachers Toshiki Okada einen letzten Nachschlag,

Infos und Tickets unter www.festwochen.at)

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