Kultur 05.12.2011

Simon Beckett denkt nicht immer an den Tod

Kein anderer Krimi-Autor schaut sichderart genau den Tod an. Mit Erfolg. Vier Bestseller bringt der Engländer zurKriminacht nach Wien mit.

Es sind immer etwa 50 Leichen, die auf den 8000 Quadratmetern zwischen Bäumen liegen und verwesen. Einige seit Jahrzehnten. Das Gelände, "Body Farm" genannt, gehört zu Universität von Tennessee in Knoxville. Früher war es eine Mülldeponie.
Jetzt forschen hier Gerichtsmediziner bzw. forensische Anthropologen. Untersuchen den Zerfall des menschlichen Körpers. Die Besiedelung durch Fliegen, Libellen. Oft sind sie die letzte Hoffnung zur Klärung von Verbrechen.

Der englische Journalist Simon Beckett war vor neun Jahren dort. Um sieben in der Früh, gemeinsam mit FBI-Leuten, die üben sollten, ein Mordopfer zu exhumieren.
Er schrieb damals für The Times und The Observer , aber nach dem Besuch war ihm klar: Das ist mehr als eine Reportage. Das musste eine Krimi-Serie werden.

So entstand sein Held David Hunter: Einst führender Gerichtsmediziner Englands, hat er sich nach dem Unfalltod seiner Familie als Arzt aufs Land zurückgezogen. Er gibt Beckett die Möglichkeit, sehr detailliert über Tote zu schreiben. Und zu schocken, wie er selbst einst geschockt wurde. Der 43-Jährige ist einer der internationalen Stars der Wiener Krimi-Nacht (20. September).

KURIER: Es mag ja normal sein, acht Stunden am Tag zu schreiben. Könnte ja ein Rückzug sein, der das Leben erträglich macht. Aber mit Leichen? Mit Leichenstarre?
Simon Beckett: Schreiben ist ein einsames Geschäft, und ich sitze wirklich allein in meinem Büro. Und würde ich nur über Leichen schreiben - das wäre echt hart. Aber ich muss ja Charaktere entwickeln und Überraschungen einbauen. Und
alles muss zusammenpassen. Ich verbringe meine Tage Gott sei Dank nicht nur mit Leichen.

Trinken Sie während der Arbeit?

Nur Tee und Kaffee. Am Abend dann manchmal Bier oder Wein. Würde ich Alkohol während des Schreibens konsumieren - ich glaube, kein Roman wäre fertig geworden. Obwohl, wenn's beim Schreiben gar nicht klappen will, ist die Versuchung groß.

Sie haben in den englischen Krimi den amerikanischen Stil gebracht. War das notwendig? Für den englischen Krimi? Für Sie?
Die ersten Krimis, die ich selbst las, waren halt welche von Raymond Chandler, und danach war mir klar, dass ich ihm näherstehe als zum Beispiel Agatha Christie.

Können Sie sich mittlerweile vorstellen, selbst Gerichtsmediziner zu sein?

Nein. Ich bewundere die Leute. Als ich jünger war, wollte ich Biochemie studieren, habe aber dann Literaturwissenschaft abgeschlossen. Manchmal blinzelt also in mir drinnen ein frustrierter Wissenschaftler hervor. Aber ich habe gesehen, was forensische Anthropologen zu tun haben und bin froh, dass ich nur darüber schreibe. Ich lasse denen gern die wirkliche Arbeit.

Haben Sie wenigstens ein bisschen Angst verloren: vor dem Sterben, vor dem Tod?

Das wäre schön, könnte ich das sagen. Ich glaube nicht, dass das viele von sich behaupten können. Meine David-Hunter-Serie hat daran nichts geändert. Als ich die Body Farm besucht und Dutzende Leichen gesehen habe - alles Menschen, die einst Hoffnungen und ein eigenes Leben hatten -, war das ernüchternd. Andererseits war es auch nur wieder die Erfahrung, dass wir alle sterblich sind. Ich denke nicht ständig an den Tod. Das wäre nicht gut für meine Bücher. Ich will ja schließlich unterhalten und nicht depressiv machen.

Vier Bestseller: Das Moor und die Schuldgefühle des Helden

Vier Romane der Serie gibt es; und wenn man auch die Einfachheit der Sprache unter aller Kritik findet: "Die Chemie des Todes", "Kalte Asche", Leichenblässe" und "Verwesung" sind Bestseller. Wobei der zuletzt - wie immer im Wunderlich Verlag - erschienene Krimi "Verwesung" (übersetzt von Andree Hesse, 23,60 Euro) aus der Reihe fällt.

Düster ist vor allem das Moor in der Grafschaft Devon, in dem ein Mädchen begraben liegt. Der Schrecken beim Lesen ist weniger groß, es geht vielmehr um David Hunters Schuldgefühle wegen des Todes seiner Familie: Er hätte damals seine Tochter mit dem Auto abholen sollen. Hat er aber nicht. Also fuhr seine Frau, und auf dem Heimweg geschah der Unfall ...
Beckett befreit sich in diesem vierten Band ein wenig von dem Vorwurf, seine Figuren seien nichts als Papier.

( Kurier ) Erstellt am 05.12.2011