Sie würde wieder nicht gewinnen

BACHMANN-PREIS 2015: INTERVIEW / ANNA BAAR
Foto: APA/GERT EGGENBERGER Anna Baar

"Als ob sie träumend gingen": Der zweite Roman der Klagenfurterin, so schön (und gar nicht schwierig).

Anna Baar würde den Bachmann-Preis wieder nicht gewinnen können. Wie schon 2015 nicht mit einem Ausschnitt aus "Die Farbe des Granatapfels" so auch jetzt nicht mit "Als ob sie träumend gingen".

"Zu schön", so würde es wohl wieder heißen. "Zu geschmackvoll". "Üppig", könnte man ergänzen, biblisch und ohne Ängste vor Geistern und Theaterdonner.

Die andernorts geäußerte Kritik stimmt jedenfalls keineswegs, wonach die Klagenfurterin "schwierig" sei, weil sie unklar bleibe.

Wäre ja kein Fehler. Bloß abschreckend für jene Leser, die alles gleich wissen und nicht staunen wollen.

Einzig, dass anfangs ein Alter im Bett liegt und sich die Ohren zuhält und gleich darauf den Jungen von Nymphen erzählt wird, die nachts den Samen schlafender Männer rauben, mag verwirren.

Daraus entsteht Klarheit, die schmerzt: Ein Mann kommt nach dem Krieg ins kroatische Dorf heim. Er ist ein Held des Widerstands, man wird ihm ein eisernes Denkmal aufstellen – aber er hat alles verloren.

Der Allgemeinheit hatte er viel gegeben.

Und auf sich selbst vergessen. (Was ist man SICH schuldig?) Auf sich selbst und auf Lily, die er von klein auf kannte, ein Sturschädel wie er, besser tot als Untertan ...

Nur Anrainer

Lily hat er geliebt und sie ihn auch. Aber er meinte, ihrer nicht würdig zu sein, und nach dem Krieg war es dann nur noch träumend möglich, zusammen zu sein.

Die Frau, die er geheiratet hat, das Kind, dessen Vater er wurde – bei ihnen lebte er eher als Anrainer denn als Mitbewohner.

So schreibt Anna Baar, und alle dreht sich um den Kernsatz: "Eine Angst überkam ihn, die Angst vor dem Sterben, die den Menschen überfällt, wenn er nicht gelebt hat, wie es ihm gebührt."

Der Mann heißt übrigens Klee. Und am Ende des Romans wird der Maler Paul Klee zitiert ("Diesseits bin ich gar nicht fassbar / Denn ich wohne grad so gut bei den Toten ...") Seine Frau hieß Lily. Aber diese beiden hatten sich.


Anna Baar:
„Als ob sie träumend gingen“
Wallstein Verlag.
208 Seiten.
20,60 Euro.

KURIER-Wertung: **** und ein halber Stern

(kurier) Erstellt am
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