"Sick City": Harter Stoff im Rabenhof

Der gebürtige Engländer lebt zurzeit in New York: Tony O’Neill war selbst heroinabhängig.
Foto: Vanessa O'Neill

Tony O'Neills "Sick City" ist ein "dreckiger" Roman über Hollywood - mit jeder Menge Drogen und einem Pornofilm. Am 20. September im Wiener Rabenhof.

Es kann jederzeit passieren, dass ein Mann in diesem Buch aufwacht, und ein anderer Mann hat dessen Zehen im Mund. Weil der halt gerade so geil auf diese Zehen war. Und auf jeder Seite steht das Ereignis: Jemand will Kokain, Heroin, Speed ... dann wird geschnupft, gespritzt, geraucht, gefressen. Das wird nicht gut geheißen und nicht verdammt - es ist einfach so in "Sick City"; und hat den Effekt, dass man bestimmt nicht dazu gehören will.

"Amerika ist krank!" steht auf einem Plakat, das Werbung macht für den Hollywood-Arzt Dr. Mike. Er hat eine eigene TV-Show. Er predigt, wie man von den Drogen loskommt.
Und besorgt seiner süchtigen Geliebten Tabletten, damit sie ihn gut bedient. Ach, die Frau ist ein Mann? Macht nichts. Überhaupt nichts.

Nicht nett

Der gebürtige Engländer lebt zurzeit in New York: Tony O’Neill war selbst heroinabhängig. Foto: Vanessa O'Neill Der gebürtige Engländer lebt zurzeit in New York: Tony O’Neill war selbst heroinabhängig.

Harter Stoff ist das. Guter Stoff, nicht allzu weit entfernt von Bukowski, aber auch Chandler ist in der Nähe. Die vielen "dreckigen" Wörter in den Dialogen hält man gut aus - wenn man folgenden Satz des Autors im Hinterkopf hat: "Um in Hollywood zu überleben, kann man nicht nett und höflich sein, sonst wird man bei lebendigem Leib verspeist."
Tony O'Neill, der 32-jährige Schriftsteller und Musiker, lebt deshalb lieber in New York. "Sick City" - von Stephan Pörtner übersetzt und vom Schweizer Plakatkünstler Michel Casarramona illustriert - ist der erste Roman von ihm, der auf Deutsch erscheint.

Es gibt die Legende, dass Sharon Tate einen Pornofilm daheim hatte, der sie in Aktion mit Schauspielerkollegen zeigte. Nachdem sie von der Manson Family ermordet wurde (1969), soll ein Polizist die Filmdose an sich genommen haben. Hier setzt O'Neills Fiktion ein: Der Polizist stirbt, sein Lover nimmt den Film aus dem Tresor und würde ihn gern zu Geld machen. Warum denn nicht? Wie man erfährt, gibt es Sammler, die haben die Klobrille, auf der Elvis Presley bei seinem Tod gesessen ist, daheim. Und Napoleons Penis, verschrumpelt. Will den jemand? Zehn Millionen Dollar müsste man wohl zahlen.

Jedenfalls ist Jeffrey, der Typ mit dem Pornofilm, ständig weggetreten. Sein Freund Randal genauso. Das wird in der Entzugsklinik von Dr. Mike nicht besser.
Man sympathisiert mit den Verlierern, so sehr kann einem gar nicht übel werden beim Beobachten. Die bringen nichts zusammen. Die brauchen kein Hindernis, um zu stolpern. Insofern sind Jeffreys Zehen in einem fremden Mund wirklich nicht das Schlimmste.

Tipp: Tony O'Neil stellt am 20. September "Sick City" im Wiener Rabenhof vor. Sekundiert wird er vom Schauspieler Robert Stadlober. Beginn: 20.00 Uhr.

(mawe) Erstellt am
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