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Kultur
05/17/2019

Sibylle Bergs Buch ist ein Ziegel, der trifft, ohne dass man ihn wirft

Lächeln gehört bei ihr dazu, selbst wenn der Roman "GRM" ein schreckliches Ende der Welt beschreibt.

Im bisher letzten KURIER-Interview mit Sibylle Berg - Foto oben - war es gar nicht notwendig, die Frage vollständig zu stellen:
Gibt es noch ...
„… Hoffnung?“ Sie lachte.  „Nein, die gibt es nicht.“
Wer  Bergs neuen Roman „GRM – Brainfuck“ liest, wird lächeln. Das gehört bei ihr dazu. Aber die Armen sind noch ärmer geworden, und es gibt für sehr viele Menschen nur eine Möglichkeit zu überleben: Sie lassen sich einen Chip einpflanzen, dann (nur dann) zahlt ihnen der Staat Grundsicherung.
Das bedeutet freilich totale Kontrolle.
Ist es ein Bild des nächsten Jahres? 2021? Nun gibt sich Sibylle Berg etwas optimistischer. Es wird länger dauern, sagt sie.

Nach dem Brexit

England wurde als trauriger Ort  dieser klugen Dystopie gewählt.   Was leider nicht heißt, dass die anderen Europäer aus dem Schneider sind.
  Großbritannien ist  nicht mehr in der EU. Wasser wurde privatisiert –  es kostet jetzt das Vierfache. Das ganze Land ist voller Überwachungskameras.
Die unteren Hunderttausend  saufen sich an oder bringen sich um oder ziehen sich das Fernsehprogramm rein und masturbieren, wenn Prinz Charles zu sehen ist.
 Vier Minderjährige in einem  Kaff bei Manchester rebellieren, indem sie sehr wütende, fast gefährliche Musik hören – GRM bzw. Grime (Dreck), noch wilderer  HipHop. Aber sie wollen mehr als bloß ein Leben wie auf einem Abenteuerspielplatz. Sie ziehen deshalb nach London, wo sie genauso chancenlos sind.
Sibylle Bergs  Buch ist, mit 640 Seiten, ein Ziegel. Man muss ihn nicht werfen, er trifft auch so. Dann tut er weh. Dann kommen die richtigen Gedanken.
Die Sprache  hat einen Rhythmus, der dich zusätzlich umhaut. Manchmal sind Sätze zerschnitten, das wummert, aber es stört nicht beim Lesen. Zwischendurch steht „Prösterchen“ und „Scheiß der Hund drauf“,  und viele „Arschgeigen“ rennen herum.
Das Boshafte, Lockere, Experimentierfreudige ist der größte Unterschied zum ebenfalls aktuellen Roman „Der Würfel“ von Bijan Moiuni aus dem Atrium Verlag.
Auch in seinem Zukunftsbild geht es den Menschen besser, wenn sie auf Freiheit verzichten. Die meisten lassen sich auch hier einen Chip einpflanzen, um Geld zu bekommen. Ein Algorithmus, eben der Würfel, durchleuchtet und lenkt sie.
Talent setzt sich immer durch? Da lacht Sibylle Berg. Wer tüchtig ist, wird es weit bringen? Haha. Es geht so schrecklich logisch dem Ende entgegen.

 

Sibylle Berg:
„GRM
Brainfuck“
Kiepenheuer
& Witsch.
640 Seiten.
25,70 Euro.

KURIER-Wertung: **** und ein halber Stern