Sharon Stones Tränen beim Opernball: Im Weinen liegt die Wahrheit

Was vom Opernball 2026 bleibt, ist vor allem das Interview mit Sharon Stone. Wie steht das (fiktive) Kulturamt zum öffentlichen Weinen?
Sharon Stone wird auf einem Event interviewt.

Sehr geehrtes Kulturamt!

Ich gehe ja nicht davon aus, dass man sich in Ihrem Amt die ORF-Übertragung des Wiener Opernballes ansieht. Ich musste wieder zuschauen, weil die Gattin die Chefin über die Fernbedienung ist. So sah ich Sharon Stone, die während des Interviews einen Weinkrampf bekam. Also wirklich . . . Mein Antrag an Sie: Solche Heulsusen dürfen nicht zum Opernball eingeladen werden. Da kommen einem ja die Tränen!

Mit unweinerlichen Grüßen, P. H.

***

Sehr geehrter P. H.,

vielen Dank für Ihren Antrag, dessen Einlangen wir hiermit gerne bestätigen (Geschäftszahl 05/2026). Sie irren sich jedoch: Die meisten Mitarbeiter des Kulturamtes schauen sich den Opernball selbstverständlich an, manche sollen sogar schon dort gewesen sein. Die einhellige Meinung war diesmal, dass die ORF-Übertragung nicht zuletzt dank der in Hochform agierenden Spontaneität-Champions Karl Hohenlohe und Christoph Wagner-Trenkwitz besonders gelungen war. Nur modetechnisch waren die Moderatorinnen wieder einmal nicht sonderlich gut beraten.

Irren ist aber menschlich, und so ist es auch das Weinen. Wir waren zunächst ebenfalls verwundert über die Intensität des Tränenaufkommens, allerdings glauben wir, dass sich die von Frau Stone gesendete Botschaft ausreichend erklärte. Wer aus einem Land kommt, in dem die Anwesenheit des Präsidenten nicht Ehre, sondern Gefahr vermittelt, in dem Polizisten (vor allem jene, die sich als solche aufspielen) eine ständige Bedrohung sein können, in dem unbequeme Kulturinstitutionen als Feindbilder denunziert werden, in dem man bei Interviews lieber aufpassen sollte, was man sagt – so jemand kann schon überwältigt sein, wenn er (diesfalls sie) erinnert wird, wie auch das Land der Freiheit einmal war.

Wir haben mit Frau Stone mitgelitten und jede Träne als Ausfluss einer emotional verständlichen Regung interpretiert, weshalb wir Ihren Antrag ablehnen müssen. Wir gehen sogar so weit zu behaupten, dass es schön wäre, wenn mehr Menschen öffentliches Weinen nicht als Schwäche, sondern als kraftvolles Statement akzeptierten (siehe dazu auch Seite 33). Wahrscheinlich wäre eine Welt, in der mehr geweint wird und Verletzlichkeit zu zeigen eine Stärke ist, keine schlechtere. Wer weint, spricht mit dem Herzen und nicht mit Fäusten.

Die Performancekünstlerin Barbara Ungepflegt etwa hat Weinen vor Publikum erfolgreich kultiviert. Grundsätzlich kann man ja im Land der Bälle viel mit Wein-Aktionen anfangen, allerdings in anderem Zusammenhang.

Kommentare