© Jüdisches Museum Wien

Kultur
10/21/2020

Shanghai als Zufluchtsort vor der NS-Verfolgung: "Die Wiener in China"

„Die Wiener in China. Fluchtpunkt Shanghai“ (bis 18. April) im Jüdischen Museum Wien.

Schanghai war so weit weg wie der Mond. Aber verlangte für jüdische Zwangsemigranten kein Visum. So wurde die chinesische Metropole für rund 18.000 Juden aus Deutschland und Österreich Zufluchtsort vor der nationalsozialistischen Verfolgung.

Die Geschichte von 22 jüdischen Familien erzählt die Ausstellung „Die Wiener in China. Fluchtpunkt Shanghai“ im Palais Eskeles in der Dorotheergasse. Die aus der Überzeugung „Es muss ein Ozean zwischen Hitler und uns sein“ auf eine Reise ins Ungewisse gingen.

Heimatverlust

Sie bauten sich in einer völlig fremden Umgebung in Fernost mit „Little Vienna“ ein Stück Heimat wieder auf. Mit Konditoreien, Heurigen, Restaurants wie dem „Weißen Rössl“ und dem Café Fiaker des Impresarios Hans Jabloner, dem Vater des späteren Verfassungsgerichtshofpräsidenten Clemens Jabloner.

Neben Erinnerungsstücken aus Privatbesitz, Fotos und Dokumenten sind vor allem die Zeitzeugen-Interviews am berührendsten.

„Von Jabloner bis Landau, es war wie ein Schneeballsystem“, sagt JMW-Direktorin Danielle Spera. „Eine Familie hat uns über die Kontinente zur nächsten geführt. Viele Künstler und Ärzte waren unter den Flüchtlingen, aber wie Fritz Heller auch Vertreter der Wiener Kabarettszene.“

„Klein-Wien“

Unterschlupf fand man im Stadtteil Hongkew in umgebauten Baracken, ohne Heizung oder fließendes Wasser.

Schanghai war kein Wartesaal, in dem es sich bequem ausruhen ließ. Die Flüchtlinge eröffneten Geschäfte und Arztpraxen. Es gab Zeitungen, Theater und jüdische Schulen.

Die Wiener Sängerin Edith Grauaug – in einer Rikscha auf Plakat und Katalog-Cover abgebildet – trat unter dem Namen Edith Grey auf und wurde als „Beer Barrel Songbird“ des renommierten „Winter Garden“ bald so populär, dass sie mit eigener Band in verschiedenen Lokalen gastierte. Der Wiener Maler Friedrich Schiff lebte schon ab 1930 in Schanghai und wurde dort für seine Zeichnungen vom Nacht- und Amüsierleben berühmt.

Arzt von Mao

Und der in Lemberg geborene und im niederösterreichischen Wöllersdorf aufgewachsene Jakob Rosenfeld war der Arzt von Mao Zedong und brachte es sogar zum Gesundheitsminister.

Für die Kuratorin Daniela Pscheiden „ein toller Schatz“ ist das historische Bildmaterial der Pressefotografen Hans Basch und Julius Büschel, die nicht nur das Leben der jüdischen Gemeinde, sondern auch den Alltag der chinesischen Bevölkerung in all seinen Facetten dokumentierten, u. a. in Reportagen zur erschütternden Armut in Schanghai.

Mit der Besetzung durch die mit Nazi-Deutschland verbündeten Japaner 1941 begannen sich die Lebensbedingungen kontinuierlich zu verschlechtern. Das 1943 eingerichtete Ghetto wurde erst nach der Kapitulation Japans im September 1945 aufgelöst.

Die Rückkehr der „Shanghailänder“ aus der Kurzzeitheimat nach 1945 nach Wien war oft bedrückend, der Antisemitismus immer noch spürbar und die Rückgabe arisierten Eigentums für die Betroffenen nur mit Mühe zu erreichen. Spera: „Da haben wir unglaubliche Dinge herausgefunden.“ Durch die Ermordung und Zerstörung des europäischen Judentums bedeutete die Rückkehr einen völligen Neuanfang in einer veränderten Welt.

Eine eigene Ausstellung verdient der gebürtige New Yorker Arthur Rothstein, der bis 1946 für das US Army Signal Corps in China, Birma und Indien fotografierte. „Seine Fotos erzählen eine wunderbare Geschichte von Hilfe für Menschen und Toleranz“, sagt Ann Rothstein- Segan. Sie hofft, „die Leute können die Aufnahmen meines Vaters ansehen und lernen, andere Menschen anzunehmen und zu akzeptieren.“

 

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