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Selbst in Mekka ist das Leben nicht immer gerecht
10/19/2013

Selbst in Mekka ist das Leben nicht immer gerecht

Ungewöhnliche Töne aus Mekka. In "Das Halsband der Tauben" von Raja Alem wird in der Nähe der Kaaba gemordet.

von Peter Pisa

Eine Gasse erzählt. (Man muss alte Lesegewohnheiten ablegen.)

Die Vielkopfgasse erzählt, und dass sie neidig auf die Ellbogen-Gasse ist, weil sich dort angeblich der Prophet angelehnt und sein Ellbogen einen Abdruck hinterlassen hat – man kann sich gut vorstellen, wie grün das Gesicht der Vielkopfgasse ist ... sie hat bestimmt eines.

Auf ihrem Boden wurden einst bloß die Köpfe von Dieben, die die Kaabahülle gestohlen hatten, auf Speere gespießt und ausgestellt.

Das Leben ist selbst in Mekka ungerecht.

Mekka bewahren

Und manchmal wurde eine Frau aus dem Fenster in die Vielkopfgasse geworfen. Durchaus möglich, dass sie der eigene Vater umgebracht hatte, wegen der so genannten Ehre. Die Polizei wird dann sagen: Soso, ein Unfall.

Jetzt zum Beispiel liegt dort eine nackte Leiche. Zuerst muss man schauen, wer die Tote ist. Ist es Asa mit den Augen einer Paradiesjungfrau? Oder Lehrerin Aischa, die ihrem Freund in Deutschland heiße Emails schrieb?

Dann kann man überlegen, ob Jussuf als Täter in Frage kommt. Obwohl doch gerade dieser Jussuf über Liebe predigt und in der Heiligen Moschee schreit, alle seien Heuchler, man möge endlich das Leben feiern.

In „Das Halsband der Tauben“ bewahrt die saudischeSchriftstellerin Raja Alem das alte Mekka, in dem sie 1970 geboren wurde.

Sie lässt die Gottesstadt menscheln und arm sein, es gibt Prostitution, Drogen – und Inspektor Nassir geht gern nach Hause, um zu masturbieren; wobei er gleich danach angeekelt duscht.

Die 43-Jährige hat dafür den wichtigsten arabischen Literaturpreis bekommen. Das mag überraschen und hat die Autorin auch selbst ein bisschen gewundert.

Aber ihr Buch heißt nicht zufällig wie jene ums Jahr 1000 von Ibn Hazm verfasste Abhandlung über die Liebe im Islam.

Raja Alem selbst meinte kürzlich im einem Interview, saudische Frauen wollen keine Veränderung, sie seien glücklich so. Auch diejenigen, die keinen eigenen Chauffeur haben?

Ihre Kritik richtet sich mehr gegen ausländische Konzerne, die rund ums spirituelle Zentrum in Mekka Geld machen wollen.

Aber ganz ohne Bewohner der Stadt, die Klimaanlagen und viele Lautsprecher in den Moscheen haben wollen, geht’s wohl nicht.

Auch wenn man mit Raja Alem streiten könnt’: Ihr blumiger Krimi ist reizvoll.

KURIER-Wertung:

INFO: Raja Alem: „Das Halsband der Tauben“ Übersetzt von Hartmut Fähndrich. Unionsverlag. 600 Seiten. 27,80 Euro.

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