Kultur
15.09.2018

"Sechs Koffer" im Rennen um den Deutschen Buchpreis

Maxim Biller schrieb eine zu kurze Familiengeschichte um den verratenen Großvater.

Johnny Cash war noch viel kürzer. Er sang: „Wo ist Zuhause, Mama  ? / Auf der großen Straße ...“
Maxim Biller  zeigt auf knapp 200 Seiten, dass es mehrere Zuhause gibt: Es ist seine Familie, die von Russland nach Prag übersiedelte (um dem Westen näher zu sein), dann nach Hamburg, Zürich, Berlin.
Das vorangestellte Zitat könnte Glauben machen, die Odyssee  sei Hauptthema von „Sechs Koffer“. Es lautet: „Der Pass ist der edelste Teil von einem Menschen.“ (Brecht)
Ist aber nicht im Zentrum. Man wird bald auf mindestens eine Vertrauenskrise stoßen. Denn 1960 wurde der Großvater des Erzählers, also vermutlich Billers Großvater, in Moskau verhaftet – und hingerichtet. Er hatte geschmuggelt und Devisen gehortet. Jahrelang waren seine kleinen Geschäfte unentdeckt geblieben. Aus Prag bekam er Nylonstrümpfe, die er in Moskau gegen  Parker-Füller tauschte, die er in Prag teuer verkaufte  usw.

Huscht vorbei

Aber 1960, als er mit US-Dollar nach Prag wollte, um sein Enkerl zu sehen, führte ihn die Staatssicherheit ab. Irgendjemand aus der Familie hatte ihn verraten.
Maxim Biller – für ein Jahr selbstherrlicher,  unterhaltsamer Kritiker in der ZDF-Büchersendung „Das literarische Quartett“ (im Gegensatz zum Kollegen Volker Weidermann hielt er sich nie damit auf, sich ständig durchs Haar zu fahren, um gut auszusehen) ... Biller macht es diesmal fast zu kurz. Der Roman huscht vorbei. Er ist kaum zu greifen. Kann  ja sein, dass es der Autor  beabsichtigte.   Aber die Beiläufigkeit ist schade.
Im vorangegangenen Roman „Biografie“ hatte man noch das Gefühl, Biller habe fast jeden Satz auf diesen 900 Seiten (!) so geschrieben, als müsste er im Museum ausgestellt werden.
Hängen blieb trotzdem wenig. Nur: Ein Mann wollte im Hosensack seinen Penis massieren, aber – er fand ihn nicht.
Bleibt von „Sechs Koffer“ ein Bild hängen?  Ja, der Vater, Übersetzer von Beruf, der nicht weiterkommt, weil ihm nicht einfällt, wie man auf Russisch „fauliger Geruch“ sagt.

 

Maxim Biller:
„Sechs Koffer“
Kiepenheuer
& Witsch.
208 Seiten.
19,60 Euro.

KURIER-Wertung: ****