Schubert Theater: Eine erfolgreiche Geisterbeschwörung

"Geister in Princeton“ im Wiener Schubert Theater: Überzeugende Interpretation von Daniel Kehlmanns Erfolgsstück.
46-224133493

Manuela Linshalm ist eine Veteranin des Puppentheaters. In „Geister in Princeton“ sieht man mehr von ihr und weniger von Puppen. Und das ist gut so, denn sie ist nicht nur eine fantastische Puppenspielerin, sondern auch eine beeindruckende, nuancierte Schauspielerin. Und die eigentliche Hauptdarstellerin dieses Stücks, das am Samstag im Wiener Schubert Theater Premiere hatte und zurecht bejubelt wurde. Linshalm und ihr Partner Angelo Konzett lieferten Großartiges, mit und ohne Puppen. Deren Rolle freilich auch gewürdigt gehört.

Linshalm spielt Adele Gödel, die Frau des Mathematikers Kurt Gödel, die zeitlebens in dessen Schatten stand. Der Wiener Logiker war ein Genie, das von Kindheit an von Wahnvorstellungen verfolgt wurde. Er erbrachte den sogenannten Gottesbeweis und starb verhungert, weil er überzeugt war, dass man ihn vergiften wollte. Ihm hat der Autor Daniel Kehlmann sein berührendes Stück „Geister in Princeton“ gewidmet, es wurde 2011 im Grazer Schauspielhaus uraufgeführt.

Das Wiener Schubert Theater zeigt nun eine Version, in der auch Puppen eine große Rolle spielen. Lebensgroße Klappmaulpuppen, kleine Handpuppen und Köpfe, die wie Gipsbüsten aussehen, kommen zum Einsatz. Das macht man nicht nur, weil das Schubert Theater für Puppenspiel berühmt ist, sondern weil es insbesondere in diesem Stück Sinn ergibt. Zum einen, um die gespaltene Persönlichkeit des von Wahnvorstellungen getriebenen Genies Gödels darzustellen, zum anderen auch, um seine Gedanken zu Zeit und Raum zu unterstreichen. Alles ist gleichzeitig, alles ist relativ. In Gödels späterem Leben spielt Albert Einstein eine große Rolle, er kommt hier ebenso vor wie die Intellektuellenrunde Wiener Kreis um den Physiker und Philosophen Moritz Schlick.

Das Stück beginnt an Gödels Ende – bei der Trauerfeier 1978 in Princeton, wo er forschte. Schnell löst sich die Zeit auf, Vergangenheit und Gegenwart werden eins und Gödel wohnt seiner eigenen Beerdigung als Geist bei. Darsteller Angelo Konzett liegt im durch einen weißen Holzbalken angedeuteten Sarg, darunter seine Puppe, beide zugleich tot und lebendig. Die Einzige, die hier durchgehend als Mensch ohne Puppe gezeigt wird, ist Gödels Frau Adele, genannt Adsel, die ihr Leben dem Genie ihres schwierigen Mannes opferte. Es habe Momente des Glück gegeben, erinnert sie sich an dessen Sarg. Das sei schon sehr viel, sagt Gödels Geist.

Manuela Linshalm und Angelo Konzett spielen das Ehepaar Gödel sowie alle anderen Rollen, von Albert Einstein über Moritz Schlick und dessen Mörder bis hin zu besoffenen russischen Grenzbeamten, die die Ausreise der Gödels nach Amerika verhindern wollen. Zeitgeschichte, Wissenschaftsgeschichte, Philosophie und berührendes persönliches Drama werden hier überzeugend in knapp zwei Stunden verpackt. Ein bisschen darf man auch lachen - Linshalm ist eine begnadete Komikerin, wie man auch aus anderen Produktionen bereits weiß. Gemeinsam mit Theaterleiter Simon Meusburger verantwortet sie die Regie, die Puppen hat Soffi Povo gebaut. Für den schlauen Bühnenbau ist Angelo Konzett zuständig: Einfache weiße Holzquader lassen sich leicht verschieben und umbauen und werden vom Sarg zur Parkbank für ein erstes Rendezvous. 

„Geister in Princeton“ ist eine fantastische Produktion, der man viele, viele Zuschauer wünscht. Sie gehört zum Besten, das derzeit in dieser Stadt zu sehen ist. Und ja, einmal ist eigentlich nicht genug. In der vielstimmigen Interpretation dieses wunderbaren Stücks liegt vieles, das mindestens einen zweiten Besuch lohnt. 

KURIER-Wertung: Fünf von fünf Sternen