„Die Fledermaus“ in Reichenau: Was ja doch zu ändern ist
Sebastian Wendelin triumphiert: als verruchter Maître de Plaisir – wie als Gefängniswärter Frosch mit Charlie-Chaplin-Slapstick.
Vor 100 Jahren wurde in Reichenau eine ehemalige Holzschleiferei als „Theater- und Konzerthaus“ eröffnet – mit der „Fledermaus“ von Johann Strauss. Maria Happel ging das Wagnis ein, sie zum 100-Jahr-Jubiläum erneut zu geben. Denn die Festspiele, traditionell die Literaten der Sommerfrische ehrend, besitzen keine Expertise im aufwendigen Musiktheater. Aber die Intendantin verpflichtete Lukas Schrenk und Nils Strunk, die bereits die „Zauberflöte“ und „Carmen“ mit großem Erfolg für ein jüngeres Publikum adaptiert haben. Und zwar mit den traditionellen Mitteln des Theaters.
Die trapezförmig eingefasste Bühne – sie stellt ihre Entstehungszeit zur Schau – lässt anderes auch gar nicht zu. Schrenk/Strunk verwandeln daher das Theater in ein Etablissement der Roaring Twenties. Im Hintergrund vermittelt eine expressionistische Grafik den Zeitgeist, davor ist die formidable Bigband (mit Nils Strunk am Klavier) posiert.
Die Ouvertüre erklingt als jazzig-swingende Suite, dann stellt sich Sebastian Wendelin mit russischem Akzent als ziemlich zwielichtiger Maître de Plaisir vor. Im „Palais Orlofsky“ wird in der Folge ein Varieté-Abend gegeben: Schrenk/Strunk machen aus der Operette eine Nummernrevue.
Der erste Akt erinnert an eine Nestroy-Posse mit Gesang, der zweite mit einem Fürsten der Finsternis (Moritz Mausser als Johnny-Depp-Lookalike) an die „Traumnovelle“ von Arthur Schnitzler, der dritte mit enorm viel Slapstick an einen Stummfilm von Charlie Chaplin: Mit riesiger Schirmmütze karikiert der schlaksige Sebastian Wendelin, nun der stockbetrunkene Gefängniswärter Frosch, en passant den großen Diktator wie auch, hoch artistisch stolpernd, „Dinner for One“.
Vorgegaukelter Tiefgang
Schrenk/Strunk haben sich wieder enorm viel einfallen lassen, um die Operette (ganz nah am Original) den modernen Zeiten anzupassen, aber sie überladen die Handlung mit Verweisen und Schlagobershäubchen. Stimmt schon: „Die Traumnovelle“ ist 1926 erschienen, und natürlich gibt es Parallelen, denn da wie dort besucht ein Ehepaar einen erotisch aufgeladenen Maskenball. Aber die Handlung der „Fledermaus“ ist ja nur eine b’soffene G’schicht, die nicht an Gehalt gewinnt, wenn mit Sigmund-Freud-Zitaten Tiefgang vorgegaukelt wird.
Raphael von Bargen, der „Deitsche“ in einem betont wienerischen Ensemble, begeistert als aufhauerischer Liebestollpatsch Eisenstein auch mit schmissigen Saxofon-Soli, Julia Edtmeier betört als schrille Zofe wie als Art-Deco-Mannequin. Ohne Claqueure aus dem Rabenhof und der Volksoper wäre der Jubel bei der Premiere am Mittwoch nicht ganz so frenetisch ausgefallen.
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