Julian Barnes

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Literatur
02/18/2017

Schostakowitschs Musik gegen den Lärm

Schriftsteller Julian Barnes verurteilt den Komponisten nicht

von Peter Pisa

Als der Lärm der Welt so laut war, dass die Fensterscheiben zersprangen, stellte sich Nacht für Nacht ein Mann vor seine Leningrader Wohnung im fünften Stock.

Wer im Nachthemd aus dem Bett gezerrt wird, der kommt nicht mehr zurück.

Deshalb stand Schostakowitsch vor dem Aufzug.

Und er wollte nicht, dass seine kleine Tochter geweckt wird und seine Frau, die aber sowieso nicht schlafen konnte .

31 war er damals. Am Bein lehnte ein kleiner Koffer mit Unterwäsche und Zahnputzzeug.

Schostakowitsch rauchte und wartete auf Stalins Schergen.

Sie kamen nicht.

Manchmal gehört es zum Terror, dass niemand kommt. Indem man den Komponisten leben ließ, tötete man ihn.

Erhebung

Dmitri Schostakowitsch ist Literatur geworden. Nicht einmal seinen populären Walzer Nr. 2 aus der Varieté-Suite wird man jetzt als recht heiter empfinden können.

Der große Erzähler Julian Barnes zeigt den Krieg im großen russischen Komponisten bzw. generell im Künstler unter totalitärer Herrschaft.

Barnes schrieb einen Monolog / einen Essay mit gelegentlichen Anekdoten / eine fiktive Biografie, die wenig fiktiv ist: "Der Lärm der Zeit".

(Blenden wir nur kurz die schrecklich gute Anekdote ein: Als die mit Schreibverbot belegte Anna Achmatowa in Leningrad aus ihren Werken vortrug, stand das Publikum auf und applaudierte. Stalin, als er davon erfuhr, fragte: "Wer hat die Erhebung organisiert?")

Wie überlebt ein Künstler solche Zeit? Darf er überhaupt überleben, indem er sich der Macht beugt?

Beruhigte es Schostakowitsch, dass seine Musik manchmal den Lärm übertönte und kurzzeitig Erlösung brachte?

Angst

Er wartete auf die Verhaftung, weil Stalin 1936 seine Loge während "Lady Macbeth von Mzensk" verlassen hatte. Die Prawda schrieb daraufhin, diese Oper sei ein Gequake, Gegrunze, primitiv. Das konnte das Ende bedeuten. Und dann wurden auch noch Freunde wegen angeblicher Verschwörung beseitigt.

Ab sofort komponierte die Angst mit.

Im zweiten Teil von "Der Lärm der Zeit" ruft Stalin an und befiehlt Schostakowitsch, mit einer Delegation nach New York zu reisen: zum Kongress für den Weltfrieden. Dort hielt er 1948 vorgefertigte Reden und beleidigte darin Strawinsky (der schon US-Staatsbürger war).

Schostakowitsch vergötterte Strawinsky.

Trotzdem ...

Und, Teil drei, nun regierte Chruschtschow, und man hätte weniger Angst haben müssen, ließ er sich (weinend) zur Mitgliedschaft in der KPdSU zwingen bzw. unterzeichnete einen bösen Brief an Solschenizyn.

Schostakowitsch verehrte Solschenizyn.

Trotzdem ...

Meditation

Julian Barnes hatte Elizabeth Wilson zur Seite, von der die Monografie "Shostakovich: A Life Remembered" stammt. (Ist nie übersetzt worden.)

Diese Londoner Autorin und Musikerin, die bei Rostropowitsch Cello studiert hatte, versorgte ihren Landsmann mit Material, und Barnes konnte "dazudichten", Wörter zu Musik machen.

Er meditiert über Verrat. Er verurteilt nicht, aber ärgert sich, weil "Schosta" dachte, alle würden die Ironie hinter seinen Untaten erkennen und in seinen Kompositionen hören, wie er in Wahrheit denkt.

Aber man kann nicht ironisch in eine Partei eintreten. Es gibt keine ironische Folter und keine ironischen Folteropfer.

Was macht dieses so leichte, so schwere Buch mit uns? Es versucht, schnelles Urteilen zu verhindern.

(Ausnahmen darf es aber schon geben, bei Trump und und und.)

Julian Barnes:
„Der Lärm der Zeit“
Übersetzt von Gertraude Krueger.
Kiepenheuer & Witsch. 256 Seiten. 20,60 Euro.

KURIER-Wertung: **** und ein halber Stern

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