Kultur
05.12.2011

"Schoßgebete": Nur zehn Prozent Pornografie

KURIER-Rezension: Im neuen Roman von Charlotte Roche steckt viel mehr als Sex in allen Stellungen. Mehr als Würmer. Mehr als Durchfall.

Es muss Würmer geben. Fadenwürmer. Das ist zwar der Ekel, für den Charlotte Roche seit "Feuchtgebiete" bekannt ist. Aber es passt: Elizabeth, die der Autorin höchst ähnliche Hauptfigur, hat eine kleine Tochter. Also muss es Fadenwürmer geben.
Und Durchfall. Warum nicht? Elizabeth ist sehr gehetzt. Eine perfekte Mutter will sie sein. (Jetzt Kohl schneiden. Kohl ist gesund.)

Eine perfekte Ehefrau will sie sein. (Jetzt Fenster schließen, wegen der Nachbarn. Dann dem Mann in die Yogahose greifen.) Es ist ein aufregendes Leben. Bei der Therapeutin kann sie allerdings nicht aufs Klo gehen. Sie muss immer daheim.

Sexspielzeug

Und ein Porno gehört auch in den neuen Roman "Schoßgebete", der seit heute, Mittwoch, in den Buchhandlungen liegt. Wie berichtet, startet der Piper Verlag mit 500.000 Exemplaren. Auf dem Umschlag glänzt ein Sexspielzeug, zwei metallene Eicheln. Man wird ihnen im Roman begegnen.

Zwei Pornos sind es, um genau zu sein. Gleich zu Beginn, 15 Seiten Fellatio, ohne Drumherumreden. Und am Ende, wenn das Ehepaar mit einer Prostituierten alle Stellungen durchprobiert.
Aber dazwischen, also auf rund 250 Seiten (= 90 Prozent), ist das ein ernst zu nehmender, ernster Text über eine 33-jährige Frau, die sich von ihrer Mutter und von Alice Schwarzer befreit.

Die Zwei wollten ihr den Spaß am Sex nehmen. Sie stehen immer irgendwie neben ihr, wenn Elizabeth ihren Ehemann bedient, und - großartige Szene! - sie rufen: "Er erniedrigt dich!"
Wobei Elizabeth kein Dummchen ist und oft nachdenkt, ob es erniedrigend ist. Ihre eigenen Orgasmen sind beruhigend.

Persönliches Drama

Mit "Schoßgebete" arbeitet die ebenfalls 33-jährige Bestsellerautorin Charlotte Roche zusätzlich ihr persönliches Drama auf. Sie gibt den Horror an die Leser weiter: Vor zehn Jahren verbrannten ihre drei Brüder bei einem Autounfall.
Da ist die Figur der Therapeutin ideal. Roche bzw. Elizabeth hat ihr mehr zu sagen als bloß, dass sie neidig auf Frauen mit großen Brüsten ist und depressiv und agressiv sein kann. Ihr gegenüber kann auch darüber geschimpft werden, welche sensationsgeile Rolle die Bild-Zeitung nach dem Unfall gespielt hat.

Charlotte Roches eigener Ehemann ist arm. Angeblich hat es ihn umg'haut, als er "Schoßgebete" las. Er wird daran arbeiten müssen, dass es nur ein Roman ist, in dem der Geruch des Ehemannes an Omas Fischküche erinnert. Und die Stelle, dass er immer das gleiche macht, nämlich grinsen und masturbieren ... das kommt gewiss in vielen Familien vor.

KURIER-Wertung: **** von *****

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