Kultur
05.12.2011

Schlag: Rote Schuhe sollten Glück bringen

Evelyn Schlags "Die große Freiheit des Ferenc Puskás" - Freiheitsträume im Roman über Ungarn-Flüchtlinge

Liebe auf den ersten Blick ist das nicht. Die zwei Männer, die einander scheinbar zufällig im Jahr 2008 im Süden Wiens vor einer geschlossenen Tankstelle treffen und Manner-Schnitten miteinander essen, wecken das Interesse an "Die große Freiheit des Ferenc Puskás" noch nicht.

Dann, langsam, wird man sich bewusst, dass jeder Satz ein Gedicht ist, wie man so sagt. Was nicht verwundert: Einmal hat Evelyn Schlag gedichtet, wie das so ist, wenn Frauen Fußball im TV schauen. Es geht so:
"Ich finde, bringen tut's der Arsch. Wenn er sich bückt, / Wenn er den Ball hinlegt. Moment, die Nudeln kochen."

Bilder vom Leben

Das war jetzt etwas abschweifend, pardon. Also: Wenn dieser Roman ins kommunistische Ungarn übersiedelt, 1956, wenn gegen die Diktatur friedlich demonstriert wird und die Armee schießt ... wenn Familie Földesch flüchtet und Arbeit in einer NÖ-Molkerei findet:
Dann ist man sich beim Lesen nicht gleich bewusst, wie tief diese Bilder "sitzen". Sie kommen, da ist das Buch ausgelesen und weggelegt.

Bilder vom Leben auf dem Gelände der Molkerei. Der Vater belesen, nur die deutsche Sprache schafft er nicht gut. Seine Frau, genauso klug und tüchtig, trägt rote Schuhe, die Glück bringen sollen. Der Molkerei-Chef, dieser Weiberer, macht sie unglücklich. Dem Sohn wird das Studium ermöglicht. In ihm ist der ganze Zorn verkörpert, sind die Schmerzen wegen der Ausbeutung; auch der sexuellen.

Er verehrt den Fußballer Puskás - eine Symbolfigur, ebenfalls 1956 geflüchtet (und deshalb, welch Sauerei, für 18 Monate gesperrt gewesen). Der Bub ist einer der Männer vor der Tankstelle geworden, 52 Jahre später. Es ist kein Zufall, dass er dort steht. Die Welt ist klein. Jeder ist mit jedem verbunden. Nein, Liebe auf den ersten Blick war das Buch nicht. Aber es wurde.

KURIER-Wertung: ***** von *****