© Leopold Museum, Wien

Kultur
02/27/2015

Schieles Lebensmensch, kostengünstig

Bei der Schau "Wally Neuzil - ihr Leben mit Egon Schiele" wurde eine Chance vertan.

von Michael Huber

Es ist gewissermaßen die Mona Lisa des Leopold Museums: Das „Bildnis Wally“, das eindrückliche Bild von Egon Schieles „LebensmenschWalburga Neuzil, erhielt durch seine Beschlagnahme Ende 1997 und einen erbitterten Rechtsstreit eine fast mythische Aura, ähnlich wie Leonardos Gemälde erst durch seinen Diebstahl weltberühmt wurde. Oft wurde dabei die Schlüsselrolle Wallys für Schieles Werk ins Treffen geführt, die intensive Beziehung und Schieles Trennung von ihr nacherzählt.

Auf Anregung von Elisabeth Leopold sollte nun eine Ausstellung die wichtige Frau näherbringen. Wer weiß, wie enthusiastisch die Sammlerwitwe über Schiele zu sprechen vermag, durfte hoffen, etwas von diesem Feuer in der Schau wiederzufinden.

Enthusiasmus verpufft

Doch leider ist das Feuer ausgegangen. Stattdessen finden wir, ausgewalzt über sechs Säle, mehr oder weniger Wissenswertes über Künstlermodelle in Wien um 1900 (als ein solches begann Wally ihre „Karriere“) und über Krankenschwestern im Ersten Weltkrieg (als eine solche starb sie 1917).

Dazwischen sind die Stationen von Wallys Kindheit und ihrer vier Jahre währenden Beziehung zu Schiele ausgebreitet – mit Wohnorten in Wien, Krumau, Neulengbach. Dass man dies mit zahllosen Postkarten und faksimilierten Fotos illustriert, ist nur damit zu erklären, dass es Platz zu füllen galt. Die Aufmerksamkeit für aussagekräftige Dokumente – etwa Fotos von einem Aufenthalt des Paares am Traunsee 1913 – schwindet so jedenfalls rasch dahin.

Die Ausstellung sei „in hohem Ausmaß kostengünstig und selbst gemacht“, sagte Helmut Moser, Vorsitzender der Leopold Museum Privatstiftung, der sonst zu den Budgetproblemen des Hauses (der KURIER berichtete) jeden Kommentar verweigerte. Mosers Kompliment benennt in Wirklichkeit das Problem, denn der Schau ist Ressourcenknappheit anzusehen.

"Selbst gemacht"

So fehlt nicht nur das skandalträchtigste Bild der Wally-Schiele-Beziehung, „Die Rote Hostie“ von 1911, in dem sich Schiele – nach Vorbild eines japanischen Holzschnitts – mit riesigem Penis darstellte. Es unterbleibt auch die Anstrengung, die Beziehung zu Wally im Kontext anderer Einflüsse zu platzieren.

Warum der Künstler die Liebschaft in so außergewöhnliche Bilder wie „Tod und Mädchen“ (1915) übersetzte, bleibt letztlich rätselhaft; der besondere Status Wallys geht wegen der Vielzahl anderer, motivationslos gehängter Bilder verloren.

Ebenso unverständlich ist, dass zwischen dem „Bildnis Wally“ und seinem Pendant, Schieles „Selbstbildnis mit Lampionfrüchten“, nun ein völlig anderes Bild hängt. Dass die Bildnisse zusammengehören, war stets ein Kernargument gegen eine Rückgabe der „Wally“ an die ursprünglichen Besitzer gewesen.

EGON SCHIELE Sitzendes Mädchen.jpg

Wally Neuzil war erst 16 Jahre alt, als sie Egon Schiele traf. Das Bild "Sitzendes Mädchen, der Oberkörper nackt, hellblauer Rock" von 1911 gilt als eine der frühesten Darstellungen von ihr.

EGON SCHIELE Kniende mit grauem Umhang.jpg

In Folge wurde Wally Schieles Lieblingsmodell: Im Bild "Kniende mit grauem Umhang" 1912 ist sie klar zu identifizieren.

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FOTO Egon Schiele und Wally Neuzil.jpg

Dieses Bild - entstanden 1913 am Traunsee - ist das einzige bekannte Foto, das Schiele und Wally gemeinsam zeigt.

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Schiele selbst setzte sich auch auf Fotos immer wieder gern in Pose - wie hier am Traunsee 1913.

EGON SCHIELE Frau in schwarzen Strümpfen.jpg

Wally war nicht nur Modell und Inspiration, sie duldete auch Schieles Exzentrik  und den umstand, dass er auch andere Modelle freizügig malte und zeichnete: "Frau in schwarzen Strümpfen", 1913

EGON SCHIELE Zwei nackte Mädchen mit schwarzen Strümpfen.jpg

Schieles Hinwendung zu sehr jungen Modellen machte ihn für die Zeitgenossen verdächtig. Die "Affäre Neulengbach", bei der Schiele der Unzucht mit minderjährigen bezichtigt wurde, stand Wally Neuzil mit dem Künstler durch.  Bleistift, Gouache auf Papier | 54,6 × 36 cm Privatbesitz Wien | Foto: Privatbesitz Wien

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Wally-Porträt von 1912, Gouache, Bleistift auf Papier | 29,7 × 26 cm Land Niederösterreich, Landessammlungen Niederösterreich

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EGON SCHIELE Liebesakt.jpg

1915 verließ Schiele Wally, um Edith Harms - laut eigenem Bekunden ein "anständiges Mädel", aus besser situiertem Haus aus Wally - zu heiraten. Er verarbeitete die Trennung in Bildern wie dem "Liebesakt" (1915), in dem der Künstler selbst mit leerem Blick erscheint.

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Tod und Mädchen (Mann und Mädchen) | 1915 Öl auf Leinwand | 150 × 180 cm Belvedere, Wien | Foto: Belvedere, Wien

FOTO Wally Neuzil als Krankenschwester.jpg

Wally Neuzil ließ sich in der Folge als Krankenschwester ausbilden (Bild hintere Reihe, Mitte). 1917 starb sie an Scharlach.

Ausstellung und Buch

"Wally Neuzil - ihr Leben mit Egon Schiele" ist bis 1. Juni 2015 im Wiener Leopold Museum zu sehen. Die zentralen Thesen der Schau sind in einem von Diethard Leopold, Stephan Pumberger und Birgit Summeraurer herausgegebenenBuchzusammengefasst (Christian Brandstätter Verlag, 184 Seiten, 29,90 €)
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