Kultur
04.10.2016

Schiele - der Film: Erotik in Bildern

Extrem provokant und unglaublich talentiert: Egon Schiele war einer der kontroversesten Künstler am Beginn des 20. Jahrhunderts. Seine Modelle waren jung, schön und zogen sich für ihn aus. Damit machte er sich nicht nur Freunde. Stoff für einen starken Film, der am 7. Oktober ins Kino kommt.

Kann man über jemanden, der nur 28 Jahre alt wurde Geschichten erzählen? Man kann – und zwar solche, die ganze Bücher füllen und genügend Stoff für Filme liefern. Egon Schiele, Maler und Provokateur, der mit Vorliebe Akte minderjähriger Mädchen malte, mag zwar jung gestorben sein, lebt aber bis heute. Und Dieter Berner, in den vergangenen Jahren auch Regisseur zahlreiche „Tatort“-Verfilmungen, hat Schiele nun wieder ein bisschen unsterblicher gemacht.

In seinem Film „Egon Schiele – Tod und Mädchen“, das auf dem Buch seiner Drehbuch-Mitautorin Hilde Berger basiert, hat er sich dem wohl spannendsten Aspekt abseits von Schieles Malerei gewidmet: Der Beziehung des Künstlers zu Frauen – was bedeutender ist, als es klingt, weil sie für seine kreativsten Schaffensphasen verantwortlich waren.

Regisseur Dieter Berner mit seinen Hauptdarstellern Noah Saavedra, der Schiele spielt und Valerie Pachner als seine Muse Wally Neuziel

Der Film beginnt mit Schieles Sterben, das auch die geliebte Schwester Gerti, seine erste Muse, mit der er eine inzestuöse Beziehung gepflegt haben soll, trotz aller Zuwendung nicht verhindern kann. Die Spanische Grippe, die schon Schieles im sechsten Monat schwangere Frau Edith wenige Tage zuvor dahingerafft hat, macht auch vor dem Maler nicht Halt, der am 31. Oktober 1918 in Wien stirbt. Wie es so weit kam, erzählt Berner in einer packenden Story aus Erotik, Liebe, Drama und Eifersucht, die den jungen Schiele, ob seiner Obsession für junge Mädchen sogar ins Gefängnis bringt. Dennoch kann er zeitlebens nie von ihnen lassen und macht sie zum absoluten Zentrum seiner Kunst.
Die schönen Körper, die Schiele zu Papier bringt, gehören seinen Musen – wie der 16-jährigen Varieté-Tänzerin Moa. Schiele soll ein Panneau für die Wiener Werkstätten malen und Moa versteht nicht, was das ist. Sie einigen sich auf „ein bemaltes Brett“. Moa: „Was wird auf dem Brett zu sehen sein?“ Schiele: „Eine Frau.“ „Nackt?“, fragt Moa. Und Schiele: „Sicher. Wenn ich einmal alt und impotent bin, dann mal ich was anderes.“ Bei so viel Freizügigkeit ist ein Mini-Skandal nicht weit. Der ansprechende Trailer zum Film wurde prompt von Facebook gesperrt.

Schiele mit seiner ausnahmsweise angezogenen Muse Moa Mandu, gespielt von Larissa Breidbach, in Krumau. Dort malte er zahlreiche Akte von ihr.

Valerie Pachner, die Schieles wichtigste Muse Wally Neuzil spielt und auch in Österreichs Beitrag für den Auslands-Oscar „Vor der Morgenröte“ zu sehen ist, geizt zwar auch nicht mit ihren Reizen, besticht aber vor allem durch Natürlichkeit und Offenheit. „Mei Großmutter hat g’sagt, ma sollt si für den Richtigen aufheben“, sagt Wally in einer Szene zu Egon: „I wollt, i hätt mi für di aufg’hoben.“

Wally Neuziel war Schieles große Liebe und wichtigste Muse. Bis ...

Neuzil war 17 Jahre alt, als sie Schiele zum ersten Mal begegnete, und stand zuvor Gustav Klimt, Schieles um fast 28 Jahre älteren Förderer, Modell. Bis der Neuzil Schiele irgendwann überließ – was die soziale Stellung von Modellen zu jener Zeit anschaulich macht. Sie kamen nicht über den sozialen Rang von Prostituierten hinaus, da sie mit den Malern auch stets Affären pflegten. Dass Schiele und Neuzil einander liebten, konnte gegen die Standesdünkel der damaligen Zeit nicht bestehen. Die Wirren des 1. Weltkrieges taten ihr Übriges dazu. Schiele muss seine große Liebe Wally opfern. „Wally, i brauch di ... für des Büd“, schreit Schiele verzweifelt, nachdem er ihr offenbart hat, dass er sich von ihr trennen muss.

...er sich aus finanziellen Gründen für Edith Harms entscheidet. Schiele heiratet sie, obwohl er sie nicht liebt, Kein gutes Omen

Noah Saavedra spielt den großen Maler mit Inbrunst und Hingabe, was sich vor allem in der Szene zeigt, als Schiele beginnt, sein berühmtes Bild „Tod und Mädchen“ zu malen. EIn Mann hält eine Frau umarmt, die auch ihn nicht loslassen will. Aber eine viel stärkere Macht als die Liebe reißt beide schließlich voneinander los. Wally stand Schiele dafür zum letzten Mal Modell. „Zu Ostern, als das große Ölbild mit dem Mann und dem Mädchen, die nicht voneinander lassen konnten, fast fertig war, sagte Egon zu Wally, dass er eines der Nachbarmädchen heiraten werde“, schreibt Hilde Berger in ihrem Buch Tod und Mädchen – Egon Schiele und die Frauen. Er müsse heiraten, weil das eine sehr bürgerliche Familie sei.“ Edith Harms, spätere Schiele, hat die soziale Stellung, die Schiele als Maler so dringend braucht – und das nötige Geld, um im Krieg die wichtigen Malutensilien zu beschaffen. Doch dieses stille Commitment bringt dem Paar kein Glück. Edith leidet, weil sie Egon nie wirklich für sich gewinnen kann. Egon leidet, weil ihn Edith nie zu inspirieren vermag. Die Zeit des großen Schaffens ist vorbei. So kommt man doch immer wieder zu dem Schluss, dass wahre Liebe sich nicht kaufen lässt.