Noch nie gab es so viel Programm von so vielen Anbietern. Unterm Strich bleiben die Seher in Österreich aber recht konventionell

© Getty Images/fotostorm/istockphoto

Kultur
01/27/2020

Schauen wir überhaupt noch fern?

Netflix und Co. oder ORF2 und RTL? Was unsere Leser anschauen. Und was die Forschung sagt.

Die gute Nachricht zuerst: Wir sind keine Dinosaurier. Zumindest legt das die Medienforschung nahe, die im Zeitalter des Immer-Überall-Abrufbar-Streamings untersucht, ob und wie die Menschen eigentlich noch Fernschauen (im Fachjargon „Bewegtbildcontent“). Wir wollten aber auch die Meinung der Leser hören. Zahlreiche sind einem Aufruf in einer Fernsehkolumne am Sonntag gefolgt und berichten über ihr Seherverhalten. Kurz gesagt: In dieser Gruppe wird überhaupt nur seriöses Fernsehen (ORF2, Arte) geschaut – am Abend.

Die wichtigste Sendezeit aus Sicht der Programmamcher. Punktlandung.

Fernsehen ist auch eine Altersfrage

In den Zuschriften zeigt sich auch recht deutlich: TV-Verhalten ist bis zu einem gewissen Grad eine Altersfrage (siehe Grafik unten). Als Beispiel sei Alfred Lukas (75) aus Strasshof genannt. „Es wird sich auch nicht bis an mein Lebensende verändern“, schreibt er. „Ich schaue täglich nach wie vor fern, weil ich der Meinung bin, dass die große Auswahl diverser Sender in Österreich täglich Interessantes und Neues bringen.“ Politik, Naturfilm, „ alle Richtungen an Musik, Sport, Geschichte, Geographie, Eisenbahnromantik-Sendungen...“.

Tatsächlich ist die Generation 50 plus nicht nur eine dominante Wählergruppe, sondern auch eine besonders verlässliche Kundschaft für Fernsehsendungen im Hauptabend. Während die Nettoreichweite bei dieser Gruppe Richtung 60 Prozent marschiert, sind es bei den 12- bis 29-Jährigen nicht einmal 20 Prozent.

Im Tonnenmaßstab

Das liegt nicht an patschertem Umgang mit Technik. Fernsehen ist Gewohnheit und die Sitte der Streaminganbieter, Content im Tonnenmaßstab auf den Markt zu kippen, schreckt manche ab. Christine Kronfellner (Jahrgang ’69, Wien 23.) etwa „mag keine Endlosserien mit zig Staffeln, deren Inhalt auch in 90 Minuten Platz gehabt hätten.“ Die Ära Netflix ist jene des „horizontalen Erzählens“ – die Handlung wird möglichst kunstvoll in mehrere Folgen gestrickt. In gelungenen Beispielen („Breaking Bad“ etwa ist meisterhaft), entsteht dadurch ein episches Drama, das nahezu süchtig macht.

Ich  mag keine Endlosserien mit 20 Staffeln, die auch in 90 Minuten Platz gehabt hätten.

Christine Kronfellner, Wien 23.

Es ist jedoch undenkbar, dass unter den rund 300 neuen Produktionen, die Marktführer Netflix 2019 vom Stapel laufen gelassen hat, lauter Kunstwerke sind.Man kann Frau Kronfellners Einwand also durchaus nachvollziehen. „Ich freue mich, auf etwas zu warten, um es dann zu genießen“, meint sie auch. Und das spricht für Fernsehen. Zumindest vordergründig.

Gewohnheit, Gewohnheit, Gewohnheit

Günter Fellner hat nämlich in seinem breiten Medienmix auch Netflix. Allerdings mit bekannten Routinen: „Wir würden z. B. niemals eine Folge von ,The Crown‘ um 18.25 Uhr schauen. Wir schalten aus alter Gewohnheit um 20.15 Uhr auf Netflix.“ Fernsehen ist Gewohnheit.

Wir schalten aus alter Gewohnheit um 20.15 Uhr auf Netflix.

Günter Fellner

Verlässlichkeit - über viele Jahre

Und zwar eine unerschütterliche: Sieht man die Nutzungszeit im Verlauf der vergangenen Jahrzehnte an, ergibt sich ein erstaunlich verlässliches Bild. Die 12- bis 29-Jährigen sahen 1997 sogar ein bisschen weniger fern als 2019. Damals waren es 90,8 Minuten, im Vorjahr 91,6 Minuten Fernsehkonsum.

Die Älteren werden mehr.

Wolfgang Godai, Eberdorf.

Bei den älteren Zielgruppen ergibt sich ein ähnliches Bild.Im Herbst gab es seitens der österreichischen Fernsehveranstalter eine PR-Initiative, um zu beklagen, dass der Hype um Streaming ungerechtfertigt sei. In den präsentierten Daten der Initiative Screenforce zeigte sich ein deutlicher Generationenunterschied: Bei den Nutzern von 14 bis ins hohe Alter entfallen nur 13 Prozent der mit Bewegtbild verbrachten Minuten auf Onlinevideos.

„Die Älteren werden mehr“ meint Wolfgang Godai aus Eberndorf.
Gute Nachrichten für TV also.

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